Fliegende Blätter — 72.1880 (Nr. 1797-1822)

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32 Die Jagd nach dem Briefe,

und vergißt über der Freude des Wiedersehens beim Fortgehen seinen

neuen Regenschirm. Die alte sitzengebliebene Jugendfreundin entdeckt
alsbald, nachdem sich der Herr Professor empfohlen, den neuen
stehen gebliebenen Regenschirm.

Es regnet sehr stark. Sic weiß, daß der Herr Professor zu dem
Dejeuner gegangen ist, welches der Magistrat den Festgästen in dem
Stadthause veranstaltet. Sic schreibt also ein Billetchen und gibt
es nebst dem Regenschirm einem Dienstmann mit dem Aufträge, den
Brief nur in des Professors eigene Hände abzugeben.

Der Herr Professor eilt auf das Stadthaus. Dort ange-
kommen, fällt ihm aber ein, daß er einen wichtigen Brief von seinem
Verleger erlvarte; er geht daher auf's Postamt, um sich zu erkundigen.

man ihm über
Ankunft eines
Briefes keinen
Ausschluß geben
konnte, auf's
Stadthaus zu-
rück und erfährt
dort von seinen
Freunden, daß
ihn ein Dicnst-
mann mit einem
Briefe gesucht
habe. Der Herr
Professor meint,
der Brief sei der
erwartete vom

Der Dienst-
mann mit dem
Briefchen und
Regenschirm
kommt auf's
Stadthaus und
erfährt dort, daß
der Herr Pro-
fessor wieder
fort sei. Man
schickt ihn in
des Profcssor's
Wohnung. Der
Herr Professor
kommt vom
Postamt, wo

Verleger, läßt das Essen in Stich und eilt in seine Wohnung.

„Eben war ein Bote da mit einem sehr pressanten Brief an
Sie", sagt die Hausfrau. „Ich habe ihn in das Museum geschickt,
tveil ich glaubte, Sie seien dort bei der Naturforscher-Versammlung."
Der Herr Professor eilt athcmlos dorthin.

Unterdessen hat man dem Dienstmann im Museum
bedeutet, daß die Herren Naturforscher heute keine
Sitzung halten, sondern alle auf dein Stadthaus
beim Dejeuner seien, weßhalb der Dienstmann sich
mit Brief und Schirm wieder dorthin begibt; es
regnet sehr heftig. Der Herr Professor hat vom
Museumsdiener erfahren, daß ein Dienstmann ihn
gesucht habe, um ihm einen sehr tvichtigcn Brief
zu übergeben. Man habe den Dienstmann auf's
Stadthaus geschickt. Der Professor eilt dorthin
zurück.

Natürlich hatte der Dienstmann den Professor
auf dem Stadthaus wieder nicht getroffen. Das
Dejeuner tvar schon zu Ende und einige bekneiptc
Naturforscher bedeuten dem Dicnslmann, der Herr
Professor Schwester werde sicher in seinem HStel
„zum Elephanten" zu finden fein, da es schon auf

Mittag gehe und derselbe ain Dejeuner nicht Theil genommen habe.
Der pflichttreue Dienstmann begibt sich trotz des strömenden Regens
dorthin. Als der Herr Professor wieder schweiß- und regentriefend auf's
Stadthaus kommt, ist der Dienstmann mit dem höchst pressanten
und wichtigen Briefe schon auf dem Wege in's Hotel. Das Dejeuner
ist zu Ende. Nur einige wenige gründliche Naturforscher sitzen noch

beisammen und trinken Sekt. Sie reden dem Professor zu, bei ihnen
Platz zu nehmen, aber der tvichtige Brief ist ein stärkerer Magnet
und obtvohl es mit Schöffeln gießt, rennt der Herr Professor in's
Hotel „zum Elephanten".

Dort hat sich
mittlerweile der.
wackere Dienst-
mann wieder ver-
geblich nach dem
Herrn Professor er-
kundigt. Niemand
weiß, >vo der Herr
Professor ist. Zur
labte d’höte komme
er aber heute nicht,
denn er habe mit
Rücksicht auf das

magistratische De-
jeuner schon in
der Frühe nbsagen
lassen. Was bleibt
dem Dienstmann
über, als zu der
Dame zurückzu-
gehen, die ihm
Regcnschirin und
Auftrag gegeben
hatte. Jetzt prcs-
sirt's nicht mehr so.
Der Regen hat

nachgelassen. Herr Professor Schwester kommt tvic ein nasser Pudel in's
HStel „zum Elephanten". Er erfährt, daß der Dienstmann mit dem
Briefe ihn gesucht, aber sich eben wieder entfernt habe. Wohin,
wußte Niemand. Ohne Aufenthalt eilt der Herr Professor aus dem
Elephanten und besinnt sich.erst auf der Straße, daß cs eigentlich
gescheidter gewesen tväre, im Hotel zu bleiben und den knurrenden
Magen zu befriedigen. Er lveiß ja nicht, wo er den Briefboten
suchen soll. Der Regen hat gänzlich aufgehört. Die Sonne tritt
aus den Wolken — da fällt dem Herrn Professor ein, daß er seinen
neuen Regenschirm bei der alten Jugendfreundin stehen gelassen
habe. Er eilt sofort dorthin.

Wie der Herr Professor in's Haus der alten Jugendfreun-

din kommt,
trifft er den
Dienstmann
vor der
Wvhnungs-
thüre, denn
es ist Nie-
mand zu
Hause. Herr
Schwester er-
kennt seinen
Regenschirm
und wird

dadurch als
derjenige
erkannt, für
den der
Brief be-
stimmt ist.
Da ist also
der Brief,
auf den er
seit drei
Stunden
Jagd gc-
- macht:

„Lieber Freund! Sie haben bei mir Ihren Regenschirm ver-
gessen. Hier schicke ich Ihnen denselben mit herzlichen Grüßen.
Ihre alte Freundin." Schreckliche Enttäuschung. Durchnäßt bis
auf die Haut, hungrig wie ein Wolf, ohne Nachricht vom Verleger
und 2 Thaler für den Dienstmann obendrein! So geht cs, wenn
man ein Naturforscher ist! —

Nedactivn: I. Schneider in München. — Verlag von Braun & Schneider in München.
Kgl. Hof-Buchdruckerei von E. Mühlthaler in München.

Hiyu eine Nelinstk..

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"Die Jagd nach dem Briefe"
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Fliegende Blätter
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G 5442-2 Folio RES

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München

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Karikatur
Satirische Zeitschrift

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Fliegende Blätter, 72.1880, Nr. 1800, S. 32 Universitätsbibliothek Heidelberg
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