Fliegende Blätter — 72.1880 (Nr. 1797-1822)

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130 Wie bcr Motz ns epp beit Herrn

von Stritzow Schnadahüpfeln lehrt.

So 'ne männliche Jemse im Galopp zu erlegen.

So muß bat unjeheuer rasch esfeetuirt werben.

Weil der zott'ge Alpen - Bewohner wie 'n Schatt'n entflieht.
Und man riskirt, janz nlleene zu steh'n.

Sepp.

Und a Schnabahüpfei
Js a wolta kurz' G'sang,

I' sürcht' bo', bis 's Ös lernt's,

Braucht's no' sakrisch lang.

von Ltritzow.

Det Lieblingslieber der oberbayer'schen Jebirgs- Bewohner
Heißt man: „Haderschuüpseln" — und sind selbige sehr kurz

abgefaßt;'

Det unjeachtet aber braucht man 'ne scheußlich lange Zeit,

Um sie — wie ich — naturjetreu und melodienjerecht wieder-

zujeben.

I. G. Entinooser.

Der Cärilicn-Ball.

(Schluß.)

Er trank Wein und noch einen Schluck und wieder einen.
Dann wendete er sich nach ihr hin — sie bemerkte es nicht,
er schaute neben ihr weg starr an die Wand drüben und sagte
mit der Stimme eines zum Strang Verurtheilten, der den letzten
Gang antritt: „Fräulein — es — es — es — ist heut'
schön Wetter!" Sie sah nach ihm hin — er bemerkte es nicht
— und antwortete nach einem tiefen Athemzuge freundlich:
„Ja, schöner Sternhimmel und klarer Mondschein!" Jetzt
wagte er in ihre Augen zu blicken. Sie zürnten nicht, diese
Augen; er bekam Muth, dachte an den Wein, der ihm Muth
gemacht und bemerkte, daß er seine Pflicht thun müsse, ergriff
die Flasche: „Fräulein, darf ich Ihnen einschenken, der Wein
macht Muth!" und schüttete ein halbes Glas über das weiße
Tischtuch. „Sie zittern mit der Hand ... ist Ihnen nicht
wohl?"

Diese sanfte Frage gab ihm. eine gewisse Selbstbeherrschung
zurück. Er srug sie, ob sie ihn noch kenne. Sie bejahte er-
röthend. Sie will nichts mehr davon wissen, dachte er und
sprach von der Klosterkirche und den Sonntagsumgängen. Der
Weg war gebahnt, der Wein, den man sich gegenseitig ein-
schenkte, löste die Zungen, und bald unterhielten sich die Beiden
in freundlichem Gegenerzählen kleiner Erlebnisse und Beobacht-
ungen. Er hatte sie gefragt, wie sie dazu gekommen, auf dem
Chor mitzusingen. Sie sah ihn scharf an, fuhr etwas zurück,
die Brauen runzelten sich und rasch stieß sie hervor: „Sie
fragen und wissen doch, was die ganze Stadt weiß?" Der
arme Gottlieb erschrack und betheuerte, daß er ganz für sich
lebe, ohne Umgang mit den Bürgern. Er schilderte ihr sein
freudloses Dasein in seinem Vaterhause, und was seine Schüchtern-
heit nie gewagt: der Wein schloß ihm das Herz auf, daß in
kurzer Zeit sein Leben wie ein Buch offen vor ihr dalag.

Der Cäeilien-Ball.

„Also auch ein Unglücklicher, Verstoßener, den Niemand
liebt?" hatte sie leise geantwortet, indem eine Thräne sich
unter ihrer Wimper hervorstahl und das ganze Auge füllte, daß
die vielen Lichter sich daraus wiederspiegelten. Oh, diese Thräne
des Mitleidens — hätte man dem armen Gottlieb ein König-
reich geboten gegen eine mitleidvolle Zähre aus dem Auge der-
jenigen, die auf der Welt sein ganzes Leben ausmachte — er
hätte das Königreich lachend mit Füßen getreten.

Das Reden, Lärmen und Lachen, das Anstoßen mit den
Gläsern, das Hochlebenlassen und Geklirre von Teller und
Messern war laut geworden. Gottlieb saß wie im Himmel

und sah und hörte nichts, als das erglühte Antlitz und die
liebliche Stimme Jula's. Seine Wangen waren geröthet, das
Auge blitzte in einem nie gesehenen Feuer geistiger Erregung,
die hohe, blendende Stirne verlieh dem mageren Gesichte den
Ausdruck edlen Denkens, seine Rede floß in klaren Worten von
seinen Lippen — Jula kannte den blöden, häßlichen Gottlieb
von dazumal nicht mehr. Seine Sprache verrieth eine Geistes-
tiefe, die kein Mensch geahnt, und mit Interesse und stillem
Entzücken hörte sie seine Worte, die so sehr ihr tiefes Mit-
leid wachzurufen im Stande waren.

Von draußen schallten leise Geigen- und Paukenklänge
durch den Lärm. Der Kapellmeister trat zu den jungen Leuten:
„Das ist für Euch, kommt mit mir, ich will Euch führen!"
und jubelnd erhob sich die Schaar und stob hinaus. Gottlieb
wandte sich zu Jula: „Und werden Sie mir einen Tanz ge-
währen?" — „Gerne!" sprach sie lächelnd. Er bot ihr den
Arm und führte sie in den Nebensaal. Lustig erklangen die
Ländlerweisen der Musikanten, und Alles drehte sich in buntem
Gewühle.

Gottlieb, dem der Wein schon in den Kops gestiegen, faßte
die Geliebte seines Herzens um die Taille und tanzte mit ihr.
„Es ist gerade wie dazumal," sagte er während des Tanzes,
„vor acht Jahren!" — „Oh, reden wir nicht davon!" bat
Jula. — „Nur eine Frage — es handelt sich um meine Selig-
keit: warum haben Sie mich dazumal in der letzten Stunde
so grausam abgewiesen?" — „Weil — weil meine Freundinen
mir gesagt, daß Sie behauptet haben, ich — ich — wäre Ihr
Schatz!" endete sie rasch und sah ihm in die Augen. Er blieb
stehen, auch war der Tanz aus und Alles ging, um sich zu
erfrischen. „Oh, Jula!" ries er, „das ist nicht wahr — oh,
wüßtest Du, welch' Herzeleid Du mir gemacht, bei meiner
Seligkeit, das war eine grausame Lüge!" und im Gedanken
an den Seelenschmerz, den er erlitten durch die langen, langen
Jahre, liefen ihm die Thränen über die Wangen herunter.

„Ich glaube es. Gottlieb — ich glaube es, wie einen
Eid an Gottes Statt — ich konnte den Tag nicht vergessen,
und mein Lebtag steht mir der Abend im Sinn, als Sie Armer
mit starrem Blick mir nachsahen und dann fortliefen. Das
ist's, was ich mir immer sagte: es ist nicht wahr — es ist
nicht wahr — oh, können Sie mir verzeihen?"

Sie waren hinausgetreten; vor dem dunstigen Saal
draußen im Kreuzgang wandelten einzelne Paare im Schatten
der Säulen, welchen der Vollmond, der taghell über den
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