Die Wacht im Osten: Feldzeitung der Armee-Abteilung Scheffer — 1916 (Januar - Dezember)

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Dle Wacht im Osten

Sonntagsgedanken.

„Dennoch bleib« ich stets an Dir:
denn Du hältst mich bei meiner rechten
Hand."

Dennoch? Ein herrliches Wort. Das zeugt
von männlicher Krast, die sich nicht beugen
läsit. Darin glüht tapferer Mut, der nicht
weicht noch wankt. Das bürgt für eisernen
Willen, der nicht zerbricht. Daraus klingt un-
erschütterliche Zuversicht, die kein Verzagen
krnnt; heiliges Vertrauen, das des Zieles ge-
wih ist.

Dennoch! Jn kriegerischem und vaterlän-
dischem Sinne haben wirs gelernt und üben
es täglich. Zahllose Heere marschierten gegen
uns — dennoch wurden sie geschlagen. Schein-
bar unbezwingliche Festungen starrten uns ent-
gegen — dennoch wurden sie genommen. Ein
Volk nach dem andern erhebt sich wider uns
— dennoch werden wir fiegen. Ein Fels im
Meer, umbrandet von sturmgepeitschten Wogen,
der dennoch fest steht: das ist ein Bild für
dieses Dennoch, das auch das Dennoch un-
seres Elaubens werden soll.

Wir haben es nötig. Auch uns kann es
gehen wie dem Dichter des 73. Psalms. Auch
für uns können Zeiten kommen, da wir weder
Sonne noch Sterne mehr zu sehen vermögen
und wir meinen, die ganze Welt sei verfinstert.
Wenn Sorgen sich um uns tiirmen, oder Not
und Elend hereinbrechen; wenn Zweifel uns
quälen, die wir nicht los werden, Rätsel sich
vor uns hinstellen, die wir nicht bei Seite
schieben können; wenn wir unsere Vlicke ins
Dunkel hineinbohren und künnen doch Eott nicht
sehen, unsere Hände ausstrecken und können
ihn doch nicht fassen —dann solls gelten: auch
allem Augenschein zum Trotz; auch wider alle
Erfahrung: auch im Angesicht aller scheinbaren
oder wirklichen Widersprüche: „Dennoch"
heiht mein Elaube!

Der Krieg! Nach Christi Namen nennen fich,
die den lodernden Brand hineinschleuderten
in die Welt. Nach Christi Namen nennen
fich, die Lüge und Haß predigen, ihre Lust
haben an Roheit und Erausamkeit. Nach Christi
Namen nennen fich, die blühende Missions-
felder zu geistigen Wüsten zerstören. Sieht
Eott das alles nicht? Wo ist er? Nun
wiederum: auch allem Augenschein zum Trotz;
auch wider alle Erfahrung; auch im Angeficht
aller Widersprüche: Dennoch heitzt mein
Elaube!

llnd wenn auch die Eegner dieses Elaubens
immer zahlreicher würden, wenn auch Masien
Lber Masien fich von Eott abwendeten, so
setzen wir ihnen dies Wort entgegen: „Dennoch
bleibe ich fiets an dir." „Wenn alle untreu
werden, so bleib ich dir doch treu." Dennoch
heiht mein Glaube!

llnd wenn auch zu Zeiten das Schwarcken
des eigenen Herzens dagegen zeugtr! Heute
lebt einer in edlen reinen Eedarcken, morgen
verstrickt er sich in die kleinlichsten und nichtigsten
Dinge der Welt; heute kämpst er mannhast
wider alle Versuchungen, morgen kapituliert
er vor ihnen ohne Schwertstreich; heute hält
er sich auf einer gewisien Höhe innerer Reife,
morgen scheint er um Iahre zurückgeworfen
zu sein — nun auch solchen schmerzlichen Tat-
sachen gegenüber: Dennoch heiht mein
Elaube!

Dies Dennoch hilst uns durch Zeiten innerer
llnsicherheit hindurch. Es stützt und trägt, er-
muntert und tröstet, warnt und hofst, sammelt
alle Krast. Fiir solch Dennoch kommt dann
aber auch irgend einmal die Erfahrung:
„Du hältst mich bei meiner rechten Hand."
Vielleicht heut, vielleicht morgen; vielleicht
nach Tagen, vielleicht nach Jahren, aber sie
kommt dennoch gewih! — Amen. Sr.

Was rvird aus Eriechenland?

Wenn man den Meldungen der feindlichen
Nachrichtenfabriken glauben mühte, wären die
Tage eines selbständigen Künigreichs Eriechen-
land, vor allem die der herrschenden Dynastie
gezählt. Ob daran etwas oder viel Wahrheit
ist, läht fich natürlich nicht mit Bestimmtheit
sagen, da es andere Anhaltspunkte für die

Beurteilung der gegenwärtigen Lage in Grie-
chenland als die vom Vierverband verbreiteten
oder als ungefährlich durchgelasienen Tele-
gramme kaum gibt. Ziemlich wehrlos muh
es sich auch das neutrale Ausland gefallen
lasien, über die Vorgänge in Eriechenland nur
das zu hören, was der Vierverband ihm da-
rüber mitzuteilen oder vorzuschwindeln für gut
findet.

Es läßt fich gewih nicht leugnen, dah die
Lage König Konstantins und seines Anhanges
von Tag zu Tag schwieriger wird, und dah
fie schon lange so schwierig geworden ist, dah
man stch wundern muß, wie er seinen Ve-
drängern noch die Stirn zu bieten vermag.
Aber gerade weil in London wie Paris und
Petersburg seit Monaten der llmfall der
Athener Regierung und ihr offener Anschluh
an den Vierverband immer wieder für un-
mittelbar bevorstehend ausgegeben worden ist,
hat man allen Erund, mit der vollständigen
Verknechtung Eriechenlands durch den Vier-
verband erst in dem Augenblick zu rechnen,
wo ste als eine vollendete Tatsache offenkundig
dasteht.

Nach monatelanger Wühlarbeit hält Weni-
selos die „nationale Bewegung" in Eriechen-
land für reif genug, um sich an ihre Spitze zu
stellen. Englische Blätter melden aus Athen,
dah 21000 Kretenser Reservisten und 18000
Reseroisten aus Mytilene, Samos und anderen
Inseln in kleinen Dampfschiffen Saloniki zu
erreichen suchen. Von Weniselos erwartet
man, dah er auf Kreta eine entscheidende Pro-
klamation erlasien werde. Anderen englischen
Meldungen kann man freilich anmerken, dah
die Drahtzieher der griechischen llmsturzbewe-
gung das Eewitter, das von Kreta Lber die
griechische Monarchie herausziehen soll, doch
nicht für so unheilschwanger halten, wie sie
glauben machen möchten. So wird in einem
Bericht des Daily Telegraph aus Athen betont,
da Weniselos sich dem KLnig noch nicht feindlich
gegenüber gefiellt habe, bleibe dem König
immer noch die Wahl, Weniselos als Führer
der nationalistischen Bewegung abzurufen,
indem er ihn als Ratgeber zu stch rufe. Be-
merkungen dieser Art lasien doch durchblicken,
wie sehr man immer noch wünscht, den König
selbst klein zu kriegen und wie wenig man sich
eines Erfolges eines von Weniselos ange-
führten Aufstandes gewih ist. Wäre man dies,
so würde man nach allem Voraufgegangenen
mit König Konstantin gewih keinerlei Feder-
lesens mehr machen. Die Möglichkeit liegt
also nahe, dah der Vierverband Weniselos
nur zu einem Theaterstreich angestistet habe,
zu einem letzten Versuch, den König durch
Einschüchterung zum llmfall zu nötigen.

Vorläufig sprechen alle zuoerlässigen An-
zeichen eher gegen als für einen Erfolg solcher
Bestrebungen. Der König hat das Ersuchen
zweier Eeneräle, fich nunmehr auf die Seite
des Vierverbandes zu stellen, entschieden ab-
gelehnt, und das Kabinett Kalogeropulos hat
den Beschluß gefaht, alle Offiziere, Unteroffi-
ziere und Eemeine, die fich der revolutionären
Bewegung angeschlosien haben, vor ein Kriegs-
gericht zu stellen. Dieses entschloffene Austreten
der Ratgeber König Konstantins liehe sich
kaum erklären, wenn sie schon daran ver-
zweifeln mühten, einen solchen Beschluh auch
durchführen zu können. Hat, wie ein Tele-
gramm vom 28. zu melden weih, das Mini-
sterium wirklich nachgegeben oder bedeutet der
angebliche Beschluh nur ein neues Verfahren,
um das Ärgste abzuwenden? — B. R.

Neu-London.

Dah es gerade Neu-London sein mutz, desien
Hafen sich das zweite deutsche Handelsunterseeboot
als Ziel seiner Amerikafahrt gewählt hat, wird den
Engländern wohl am meisten aus die Nerven sallen.
Ausgerechnet Neu-London, das auherdem Eelegen-
heit aibt, eine der ärgsten englischen Schandtaten
aus der Veraesienheit zu ziehen. Der steinerne
Obelisk, der sich unmittelbar iiber dem Hafen Neu-
Londons erhebt, erzählt, dah die Engländer unter
dem Eeneral Arnold im Jahre 178l die Stadt er-
oberten, von Erund aus verwüsteten und die helden-
mütige Besatzung des Forts Griswold bis auf den
letzten Mann niedermetzelten. Namen sind eben

auch Schicksale! Jhre Eründung verdankt die
Stadt allerdings einigen englischen Kolonisten, die
fich hier im Jahre 1615 niederliehen. Der Platz
M gut gewählt. Neu-London liegt an der rechten
Seste der „Themse"-Mllndung, am nördlichen Ein-
gange des Long Island-Sundes, unmtttelbar der
Nordspitze des Montauk Point auf Long Island
gegenüber. Der Hafen ist gut geschützt. Rechts
und links wird er von den Forts Eriswold und
Trumbull bewacht. Er, friert selten zu. Wegen
der Nähe Neuyorks — es stnd nur 2 Stunden
Bahnfahrt dorthin — kann sich der Handel Neu-
Londons allerdings nur langsam entwickeln. Die
Stadt zähst heute etwa 20000 Einwohner. Be-
sondere Denkwllrdigkeiten sind sonst nicht vorhanden.
Aber als Sommerfrische und Badeort wird sie von
den Neuyorkern viel besucht.

Erntedankfest.

Früher wurde das Erntedankfest häufig mtt dem
Michaelistag, dem 29. September verbunoen. Seit-
dem dieser Tag aber nicht mehr als kirchlicher Feier-
tay güt, fällt es meist auf den Sonntag nach dem
Michaelistaa. Vielfach bleibt es aber auch den Ee-
meinden überlasien, das Erntedankfest zu feiern,
wann sie wollen. In den einzelnen Eemetnden fällt
es darum verschieden auf drei bis vier Sonntage
nach Michaelis, je nachdem die Ernte schon in die
Scheunen und Keller gebracht ist. Zum Erntedank-
fest strömt Juna und Alt der bäuerlichen Bevölke-
rung in die Kirche, um Eott zu danken fiir das
Eedeihen der Friichte auf den Feldern, auf Wiesen
und in den Eätten. Besonders in diesem Iahre
mit seinem wett über den Durchschnitt stehenden
Ernteettrag wird sich die Landbevölkerung an die-
sem Sonntag Lberall in den Kirchen zusammenfinden.
Jn manchen Eegenden ist es üblich, dah die Kirche
am Erntedanktag im Jnnern mit den Erzeugnisien
des Feld- und Eattenbaues, mtt Halinfriichten, Obst-
zweiaen, Eattenfrüchten, mtt Kränzen, Sträuhen
und Blumengebinden ausgeschmiickt wird. Da und
dott werden an diesem Tage in den Kirchen auch
Eeldsammlungen veranstaltet, deren Ertrag solchen
Eemeinden zugute kommt, die in den letzten Wochen
vom Hagelschlag heimgesucht worden sind oder tn
denen Mihwachs eingetreten ist. Es ist beretts das
dtttte Erntedanksest, das in diesem Kttege gefeiett
wird. Freudig sehen wir auch in diesem Jahre,
dah die Aushungerungspläne unserer Feinde zu-
schanden werden.

Alle Mann ran!

Nur noch wenige Tage, und die Fttst zur An-
leihezeichnung läust für die Heimat ab. Soll di«
Hoffnung unseres Hindenburg, dah das deutsche Volk
seine Feinde nicht nur mit dem Schwett, sondern auch
mtt dem Eelde schlagen wird, zuschanden werden?

Neinl Wir wollen sie wahr machen. Aber dann
ist auch notwendig, dah wir uns alle dafür ein-
setzen. Keiner darf zurückbleiben.

Der Soldat, der in der Schlacht sich verkttecht,
ist ein Feigling. Er ist nicht wett, ein Deutscher
zu sein.

Derjenige—gleichgültig ob Soldat oder Bürger —,
der sich jetzt mtt seinem Eelde versteckt, ist ebenso
ein Feigling. Er ist ebensowenig wett, ein Deutscher
zu sein.

Äoch ist es Zett, in die Front zu treten. Auf
jeden einzelnen kommt es an. Die Mil-
lionen allein machen es nicht. Es sind nur wenige,
die soviel zeichnen können. Da» Heer der Nei-
nen Zeichner innh anstnarschieren.

Macht Euch nicht zu Helfern unserer Feinde! Die
wollen, datz unser Volk den Mut oerliett. Darum
verbreiten sie die Meinung, das Eeld, dah Ihr hin-
gebt, sei nicht flcher. Wollt Zhr so gewisienlos fein
und sie bei diesem LLgenwerk auch noch unterstützen?
Wohl nicht. Darum: Wea mit aller Ängstlich-
keit und allen Zweifeln!

Wer auch nur eine kleine Summe zeichnen kann
und tut es nicht, oersündigt sich am Vaterland.
Wer einen andern von der Zeichnung abhäü, ver-
sündigt sich ebenso.

Zeichnet selbst! Feuert andere zur
Zeichnung an! Das ist in diesen Tagen der
Dienst für jeden einzelnen oon Euch.

Wenn die Schlacht gewonnen ist, was wir mtt
unserm Hindenburg glauben, dann muh jeder oon
Euch sagen können: Jch bin auch dabei gewesen!

Heiligtümer Mettas.

Wenig« Wochen nach dem Feste Kurban-Beiram,
das die ganze islamische Welt mit tiefer Inbrunst
feiett, und das namentlich in Mekka unzählige
Pilgerscharen zusammenfühtt, haben es die Eng-
länder für gut gehalten, den Heiligen Teppich aus
der Erohen Moschee entfernen und aus Mekka
sottführen zu lasien. Dah dies nach einer „ein-
drucksoollen Zeremonie" geschah, wird nichts daran
Lndern, dah jeder echte Moflim sich in seinem
religiösen Gefühl aufs tieffte verletzt fühlen wird,
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