Ganz, David
Medien der Offenbarung: Visionsdarstellungen im Mittelalter — Berlin, 2008

Page: 380
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/ganz2008/0445
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
380

KÖRPER-ZEICHEN

Abb. 162 Antwerpener Künstler, Gregorsmesse, Flügelretabel, um 1510, Aurich, Lambertikirche

Der Eindruck, gerade das Ineinander von Visionsbild und Präsenzsuggestion sei
im Zeitalter von Reformation und Konfessionalisierung zunehmend als problematisch
empfunden worden, verfestigt sich, wenn wir gegen Ende des 16. Jahrhunderts nach
Italien blicken. Spätestens ab dem Pontifikat Gregors XIII. ist dort ein wahres Gregori-
an revival zu beobachten.80 Gregor I. wird zum vorbildlichen Kirchenlehrer schlechthin
erklärt, die protestantische Kritik an diesem Papst genau in ihr Gegenteil umgedeutet.
Im Zuge des neuen Gregor-Kults entsteht auch eine Reihe neuer Gregorsmessen, bei
denen sich während einer von Gregor gefeierten Messe eine visionäre Erscheinung
einstellt - als Beispiel mag ein Gemälde Dionys Calvaerts für die Bologneser Kirche
Santa Maria delle Grazie dienen (Abb. J64).sl Das Schweben der Erscheinung über
dem Altar greift gewissermaßen das von Pourbus verwendete Argument noch einmal
auf. Dass nicht der Passions-Christus, sondern Maria mit dem Kind vor Gregor sicht-
bar wird, gibt der Vision jedoch eine ganz andere, stärker auf Fürbitte hin angelegte
loading ...