Hartlaub, Gustav Friedrich
Das Paradiesgärtlein von einem oberrheinischen Meister um 1410 — Berlin, 1947

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übermenschlichen Wesen auffallen. Merkwürdig auch, viel-
leicht ein wenig zum Lachen, daß der Engel einen dämo-
nischen Affen mitgebracht hat, der mürrisch zu seinen Füßen
hockt, während eine kuriose kleine Echse, tot und mit auf-
geblähtem Bauch, wie eine nicht allzu imposante Trophäe
neben dem Ritter liegt. Bemerkenswert ist, daß es eine alte
Kopie unseres Gemäldes gibt, ein in Holz geschnitztes Relief,
das einige Jahrzehnte später entstanden sein dürfte (Abb. 879).
Leider ist nur ein Bruchstück der Platte erhalten. Einige
Abweichungen könnten wichtig sein: zu Füßen des am Baum
stehenden Knaben rechts erscheint ein Jagdfalke, und der
kleine greinende Dämon sitzt nicht frei am Boden, sondern
ist auf drastische Weise an den Engel gefesselt, der ihm den
Fuß aufsetzt.

Kunstweise, Stil.

Unserem Zuckerbäcker ist es wahrscheinlich aufgefallen,
daß es seinem Bild an einigem fehlt, was zu seiner, des Be-
sitzers, Zeit jedem Gemälde selbstverständlich war. Auch in
unseren Tagen wird, ein Betrachter, jedenfalls ein kunstge-
schichtlich nicht erfahrener, vielleicht in ähnlicher Weise
befremdet sein. Sollte er dann versuchen, sich über das
„Fehlende" Rechenschaft zu geben, so wird er bemängeln,
daß der Rasen auf dem Bilde wie ein Berg ansteigt, wodurch,
was hintereinander gedacht ist, wie übereinander erscheint;
daß es sich aber auch nicht um einen Blick schräg von oben
handelt, denn die Figuren sind nicht in Aufsicht gegeben,
sondern jede ist ganz von vorn gezeichnet. Lauter „Fehler"
im Sinne dessen, was man seit einigen Jahrhunderten auf
jeder Kunstschule lernt, was jedoch — wie wir nicht ver-
gessen dürfen —- zu des Malers Zeiten gerade erst entdeckt
zu werden begann. Der Steintisch sieht aus, als sei die
Fläche heruntergeklappt, wohl damit wir genau erkennen,
was darauf steht, so wie es zum Beispiel in Kinderzeich-
nungen üblich ist (Abb. 3). Bei dem Brunnenbecken vorn

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