Hartlaub, Gustav Friedrich
Das Paradiesgärtlein von einem oberrheinischen Meister um 1410 — Berlin, 1947

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der vor der Tür stand, und flocht daraus sechs wunder-
schöne Kränzlein. Und dann kam Jesus mit einer großen
Engelschar in den Tempel und führte unter dem Gesänge
der Engel zwölf Jungfrauen herein und stellte sechs von
ihnen zur Rechten und sechs zur Linken des Altars. Dann
nahm er einen schönen Becher und füllte ihn mit dem Wasser
des Brunnens, der über dem Baume war, und ließ daraus die
sechs Jungfrauen zur Linken des Altars trinken, und darauf
führte er sie unter dem Gesänge der Engel in den Himmel.
Darüber wunderte sich der Abt gar sehr; aber ein Engel trat
zu ihm und erklärte ihm, was er gesehen hatte, indem er
sprach: „Die Jungfrauen, die bekränzt wurden, erhielten
die Glorie des ewigen Lebens. Die anderen aber haben sich
mit kleinen Sünden befleckt,-aber darüber Reue empfunden.
Daher hat sie Jesus geläutert und so geheilt, daß nichts Un-
reines an ihnen mehr ist; doch die Glorie haben sie nicht
verdient." Der Abt erwachte und dankte Gott und lobte ihn.

DIE VISION DES TUNDALUS

Die Vision des Tundalus war im Mittelalter berühmt und existierte
in vielen Bearbeitungen in zahlreichen Sprachen, die älteste latei-
nisch. Folgende Einzelheiten sind Inhaltsangaben entnommen, die
C. Fritsche und Elisabeth Peters geben. (Die lateinischen Visionen
des Mittelalters bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts; Romanische
Forschungen Band II und III. — Quellen und Charakter der Paro-
die svorStellungen in der deutschen Dichtung vom 9. bis 12. Jahr-
hundert, Breslau 1915.)

Ein irischer Ritter, Tundalus mit Namen, führt ein sünd-
haftes Weltleben. Als er eines Tages von einem Schuldner
bewirtet wird, den er zu mahnen gekommen war, fällt er
plötzlich in Ohnmacht und bleibt drei Tage und drei Nächte
bewußtlos. Man will ihn zu Grabe tragen; da erwacht er
und erzählt, was er im Traume erfahren. Zuerst sah seine
vom Leibe gelöste Seele eine Schar böser Geister, die sie

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