Hartlaub, Gustav Friedrich
Das Paradiesgärtlein von einem oberrheinischen Meister um 1410 — Berlin, 1947

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Todeszone der Darstellung bezeichnen. Der „Dreiverein" der
Frauen zur Linken in der Nähe des Bassins mit ihrer Ur-
gebärde des Schöpfens und Pflückens lasse, gleichviel wie
ihre kirchliche Bedeutung sei, an die drei Schicksalsfrauen
denken, die in der Edda am Lebensbaum wohnen, an die
Nornen, Moiren, Parzen und ähnliche Gestalten im Mythos
verschiedener indogermanischer Völker. Hinter St. Michael,
dem Todesengel, mit seiner Urgebärde der Schwermut er-
heben sich die Schatten des „Urmenschen" (Yima).

Genug von solchen Andeutungen, zumal der genannte Ge-
lehrte selbst mehr tastet und vermutet, als feste Umrisse
gibt. Keineswegs wollen wir behaupten, daß sein Versuch,
altes Ahnenerbe hinter der christlichen Oberschicht freizu-
legen, gerade bei unserem Gemälde ganz unangebracht sei;
manche Eigentümlichkeit in ihm legt solche Gedanken nahe.
Aber glaubte der Forscher wirklich, daß es sich dabei um
eine bewußte Beschwörung gehandelt hat? Es scheint so,
denn er schreibt ausdrücklich: „Das Bild sieht nicht so aus,
als sei es in kirchlichem Auftrag oder auch nur unter kirch-
lichem Einfluß entstanden." Doch bleibt er uns jeden Hinweis
auf den geistigen Ort, wo um 1400 ein Gemälde mit solchen
Geheimtendenzen gemalt oder für den es bestimmt gewesen
sein könnte, schuldig. Einleuchtender wäre es wohl, an ein
mehr unterbewußtes Geschehen in der Seele des
Künstlers oder seines Anregers zu denken: unwillkürliches
Auftauchen uralter Bilder aus den Tiefen der Erberinnerung
— zu einem Zeitpunkt, da die dogmatischen Hemmungen
der Kirche sich zu lockern begannen, und anläßlich eines
Bildgedankens, der, wie wir später sehen werden, zu einer
solchen Träumerei verlocken mochte.

„Marienweg der Seele."

Für zwei andere Autoren, Achim Krefting und Lothar
Schreyer, handelt es sich überhaupt nicht um eine „Heilige
Unterhaltung", um ein geistliches Genrebild, sondern es muß

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