Hartlaub, Gustav Friedrich
Das Paradiesgärtlein von einem oberrheinischen Meister um 1410 — Berlin, 1947

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sinnlich bedeutsamen Garten, der die Himmelskönigin um-
gibt und in dem sich der sündenfreie Urständ der Natur er-
neuert, auch an das Paradies als den Aufenthalt der Seligen
gedacht wurde, daß die Maler wenigstens paradiesähnliche
Züge beimischten, lag nahe genug, und so will man auch den
posthumen Titel des Bildes erklären.

Gewiß enthebt uns eine solche Auslegung weiteren Grü-
belns um einen „tieferen Sinn". Hätten wir es allein mit den
Frauen und dem Kinde zu tun und wären nur Heilige an-
wesend, wie in der Solothurner Madonna unseres Malers
oder in einem hier abgebildeten Kupferstich des Meisters
E. S., könnte die Erklärung genügen. Man beachte jedoch,
daß auf beiden ein Motiv wie jene Männergruppe gänzlich
fehlt. Gewiß haben wir es in dem Geflügelten mit Michael zu
tun, doch warum hält er sich abseits von den Frauen, gehört
nicht zu ihrer „Assistenz"? Was den Ritter angeht, so
sprechen seine Haltung und sein Kostüm überhaupt nicht
für einen Heiligen; einen Nimbus trägt er so wenig wie sein
Begleiter, der sich durch jenen Falken einfach als Knappe
ausweist. Beide sind zusammen mit dem Engel vom Maler
in einen nicht einfach beschaulichen, sondern handelnden
Zusammenhang gebracht worden! Wer diese Motive igno-
riert, kann nicht zu einem abschließenden Ergebnis kommen.

Christi Schicksalsgarten.

Das gilt auch von zwei anregenden Deutungsversuchen,
die wir hier trotzdem skizzieren wollen. Beide gehen von der
Einsicht aus, daß es nicht möglich ist, die Darstellung allein
aus gewohnten christlichen Bildgedanken herzuleiten, beide
von der Ahnung, daß es mit dem Sujet etwas Besonderes auf
sich haben muß. Beide geraten dabei jedoch an die Grenze
des Phantastischen, kunstgeschichtlich nicht mehr Beleg-
baren. Freilich geschieht das auf ganz entgegengesetzten
Wegen.

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