Hartlaub, Gustav Friedrich
Das Paradiesgärtlein von einem oberrheinischen Meister um 1410 — Berlin, 1947

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Tun der drei heiligen Jungfrauen sinnbildlich genommen
wird, und empfängt schließlich die Marienkrone. Das Wort,
der Logos, wird geboren (Hindeutung durch das Buch —•
oder nochmals durch das Jesuskind?), der Tisch des Lebens
ist gedeckt, wobei der Wein an das christliche Sakrament
der Wandlung erinnern soll.

Daß die deutsche Mystik häufig darüber Betrachtungen
pflegt, wie die Seele den Heiland noch einmal in sich emp-
fangen und gebären soll, wie sie also Jungfrau zuerst und
dann Frau zu werden hat, läßt sich nicht bestreiten; eine
bezeichnende, diese Vorstellung breit ausmalende Stelle
findet sich in Meister Eckharts Predigt „Die Seelenburg". Ob
aber auch die Malerei derartig innerlichen Vorgängen nach-
gegangen ist, Vorgängen sublimster Art, die kaum sagbar,
noch weniger aber anschaulich zu machen sind, dafür haben
wir nicht den geringsten Anhalt. Man versuche sich vorzu-
stellen, daß der Knabe rechts, das Jesuskind sowie sämtliche
Frauen zur Linken gewissermaßen „eine Person", Stationen
eines Weges sein sollen! Dem entspricht schon die Anord-
nung der Figuren sowie die Kennzeichnung jeder einzelnen
keineswegs. Statt eingehender Nachweise hier nur eine
Einzelheit: wenn der Knabe rechts wirklich die noch unge-
läuterte, Belehrung und Verwandlung suchende Seele wäre,
hätte der Maler in seinem allegorischen Bemühen gewiß nicht
unmittelbar hinter ihm gerade die weiße Lilie sichtbar
gemacht.

Die Paradiesvision eines Ritters.

Alle drei Erklärungsversuche gehen um einer vorgefaßten
Meinung willen an dem vorbei, was nun einmal an dem be-
sonderen Tun und Lassen der einzelnen Figuren auffällt. Sie
nehmen auch nicht ernst genug, was uns der Maler in ein-
zelnen Andeutungen über die Natur des Gartens hat sagen
wollen. Da haben wir zunächst auf der linken Seite jenen
seltsamen „Kirschbaum", der sich schon von der Erde aus

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