Hartlaub, Gustav Friedrich
Das Paradiesgärtlein von einem oberrheinischen Meister um 1410 — Berlin, 1947

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nicht mehr nach einer geheimen Zeichensprache suchen. Da-
gegen läge es nicht so fern, in dem Frankfurter Gemälde
hinter jeder einzelnen Blume, so individuell und „modell-
haft" sie auch gebildet ist, noch eine symbolische Bedeutung
zu vermuten. In Wahrheit trifft freilich das nur auf einzelne
Blumen, etwa Rose und Lilie zu. Immerhin bleibt das merk-
würdige Gefühl, es hätten uns alle diese pflanzlichen Ge-
schöpfe mehr zu sagen, als was in ihrer äußeren Erscheinung
beschlossen liegt.

DerMalerundseineUmwelt.

Der Name des Meisters, dem wir ein so liebliches und zu-
gleich so merkwürdiges Werk verdanken, ist unbekannt, wie
so viele Schaffende noch aus dem frühen 15. Jahrhundert für
uns anonym geblieben sind. Während der Maler damals in
Italien und auch im Kulturbereich der burgundischen Nieder-
lande seine Bilder schon oft signierte, verharrte die Kunst
bei uns meist noch in der Namenlosigkeit zünftig gebundenen
Handwerks. Bei unserem Bilde stand auch lange Zeit nicht
fest, in welcher Landschaft es entstanden sein mag; die zeit-
liche Ansetzung auf Grund unserer Kenntnis der allgemeinen
Stilentwicklung deutscher Malerei war leichter als die Be-
stimmung seiner Herkunft. Erst neuerdings ist es gelungen,
am Oberrhein einige Gemälde zu entdecken, die unserem
Bilde schulmäßig nahestehen (Altar aus Tennenbach im Breis-
gau). Danach könnte der Maler in Basel, das ja zum aleman-
nisch-oberrheinischen Kulturgebiet gehörte, zu Hause ge-
wesen sein oder auch im Elsaß; sogar einige Künstlernamen
verdienen in Betracht gezogen zu werden, die wir aus den
Urkunden kennen; besondere Gründe sollen für Hans Tiefen-
thal aus Schlettstadt sprechen. Andere Arbeiten scheinen
geradezu von derselben Hand zu stammen, wenigstens aber
unter ihrem unmittelbaren Einfluß zu stehen. Bemerkenswert
ist die „Madonna in den Erdbeeren", heute im Museum von

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