Hartlaub, Gustav Friedrich
Das Paradiesgärtlein von einem oberrheinischen Meister um 1410 — Berlin, 1947

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Gold und goldene Ruhelager, und die Blumen dufteten
herrlicher als alle Wohlgerüche der Erde. Und siehe da, es
kamen viele Jünglinge, alle im gleichen Alter, die spielten
und sangen oder setzten sich auf die Sessel und lagerten
sich auf den Ruhebetten, und es war eine Tafel bereit mit
den allerköstlichsten Speisen. Darauf kamen viele Bettler
heran und flehten sie an, aber niemand reichte ihnen etwas.
Und der Engel sprach su der Seele: „Die Wiese ist das
Paradies der Seligkeit, der Blutstrom ist das Fegefeuer. Die
Seelen aber, die du im Feuer stehen sahst bis zum Kinn
oder zur Brust oder bis zu den Knien, sind die Seelen derer,
die auf Erden nicht ausreichende Buße getan haben. Die
Bettler auf der Wiese aber sind jene, die auf Erden weder
Verwandte noch Freunde haben, die ihnen die Hand zum
Beistande reichen könnten." Nach diesen Worten trug der
Engel die Seele wieder zum Leibe zurück. Der Mönch aber
offenbarte sogleich alles, was er gesehen und gehört hatte,
dem Papste. Und der Papst befahl, daß jene Tage feierlich
in der ganzen Christenheit begangen würden zum Lobe und
Preise Gottes und zum Heile der Seelen im Fegefeuer.

VON DEM BAUM DES LEBENS UND DEM
BRUNNEN DER REINIGUNG

Man liest in dem Buche der Tugenden, daß einst ein Abt
lange zu Gott betete, er möchte ihm in seiner Gnade zeigen,
wie die heiligen Jungfrauen im Himmel gekrönt und die mit
kleinen Sünden behafteten geläutert würden. Und siehe, als
er eines Tages im Gebet verharrte, wurde er entrückt und
sah sich auf einer schönen Au, in der ein Tempel stand. Als
er auf den Tempel zuschritt, sah er vor seiner Tür einen
Baum, dessen Zweige wie klare Sterne glitzerten, und über
dem Baume erblickte er einen kristallhellen Quell. Und er
trat in den Tempel ein und wartete, und siehe, die aller-
seligste Jungfrau kam und brach Blüten von dem Baume,

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