Hartlaub, Gustav Friedrich
Das Paradiesgärtlein von einem oberrheinischen Meister um 1410 — Berlin, 1947

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Mutter und doch Jungfrau ganz,
Tempelkelch und heiiger Schrein,
verschloßne Pforte, Sonnenglanz
und des Himmels Leuchterlein.

Du süße Frucht, lustlicher Gart,
Calamus und schöner Saal,
du Arch, du Schilf, du Lust so zart,
du Mondenschein überall.

Du heitres Glas, du schön Lucern,
du Spiegel aller Lauterkeit,
Feldblume, Südwind und Meeresstern
Morgenrot und Sonne breit.

Du zarte Taub, stark Fundament,
dein Lob, dein Würde endet nie.
Du bist, die uns die Speise sendt.
Du bist die Reb von Engadi.

Deins Vater Mutter und auch Kind
bist du Maria, Magd so schön.
Ach milde Mutter sei uns lind:
dein Kind dem Vater all versöhn.

GOTT UND DIE NATUR

Die beiden folgenden Abschnitte aus Heinrich Seuse (Suso): Büch-
lein der ewigen Weisheit, übersetzt aus dem Mittelhochdeutschen
von Wilhelm Oehl.

„Ach, wenn die schöne Sonne wolkenlos heiter aufgeht in
der sommerlichen Zeit, was gibt sie da Frucht und Gutes
dem Erdreich. Wie dringen Laub und Gras hervor und
lachen die schönen Blumen! Und Wald und Heide und Auen
hallen wider von der Nachtigall und der kleinen Vöglein
süßem Gesang. Wie alle Tierlein, die vor dem argen Winter
in Schlupf gegangen, sich hervormachen und sich freuen

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