Heidelberger Jahrbücher der Literatur — 51,1.1858

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Schuler: Geschichte der Eidgenossenschaft.

schäft und Volksbildung und widmete den Abend eines langen, ge-
segneten, wenn auch oft schwülen Lebens der Darstellung dessen,
was er als Jüngling und junger Mann gesehen, gehört, erforscht
und zum Theil persönlich mit ausgefochten hatte. Wenn seine Le-
bensanschauungen, mehr der Vergangenheit als Gegenwart zuge-
wandt, im Ganzen diejenigen eines biedern, demokratischen Ländlers
und Föderalisten der alten Zeit sind; so liegt der Grund davon
theils in dem allgemeinen Gegensatz der von frühem Eindrücken
abhängigen und bestimmten Menschennatur, theils in dem zähen
Charakter der damaligen Parteien. Nicht leicht nämlich duldeten
diese bei aller Milde und Bildung einzelner Angehörigen eine so-
genannte Fusion, wie das schon damals bei den westlichen, mehr
flüchtigen Nachbarn zur Freude des ersten Consuls und in jiingern
Tagen auch bei etlichen Schweizervölkerschaften nicht so wohl aus
Versöhnlichkeit als Abmattung der Fall war. Es gibt vielleicht nichts
Ehrwürdigeres, als wenn die Menschen aus Selbstüberwindung und
Gemeinnützigkeit dem Parteistandpunkte entsagen und einander die
Bruderhand der Versöhnung reichen; wenn aber dahinter nur Schein,
Heuchelei oder Schwäche stecken, so sind derartige Fusionen eher
ein Gegenstand des Bedauerns als Lobpreisens. Anders verhält es
sich nun freilich mit dem Historiker, welcher trotz eines freien Stand-
punktes der Grundsätze eine möglichst unparteiische Würdigung der
verschiedenen, einander etwa bekämpfenden Begriffe, Gefühle und
Parteien anzustreben und zu verwirklichen hat. Dies ist jedoch für
kräftige Naturen und Verhältnisse leichter gesagt denn gethan; denn
nicht mit einem Schlag vermag das kritische, hier läuternde Fe-
gefeuer die Leidenschaften abzukühlen, den ehernen Ring abgeschlos-
sener Gedanken und Ansichten für die Action des geschichtlichen
Betrachtens und Urtheilens zu sprengen. So mag es denn auch
dem ehrwürdigen, auf das Gründlichste unterrichteten Verfasser die-
ser eidgenössischen Geschichten bisweilen begegnet sein, die politi-
schen Widersacher hier und da einseitig und hart beurtheilt zu ha-
ben. Diess gilt namentlich von Laharpe und mehren Gesinnungs-
genossen desselben, Männern, welche wissentlich gegen ihr Vater-
land nie Untreue verübten, manchen Miss- und Fehlgriff durch grössere
Verdienste um das Gemeinwesen wieder gut zu machen wussten.
Davon ist Referent um so fester überzeugt, je freundlicher der Ein-
druck war, welchen auf ihn vor Jahren die persönliche Bekanntschaft
mit bedeutenden Männern der verschrieenen und auch wirklich oft
trostlosen Helvetik ausgeübt hat. —

(Schluss folgt.)
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