Heidelberger Jahrbücher der Literatur — 51,1.1858

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Nr. 4. HEIDELBERGER
JAHRBÜCHER DER LITERATUR.

Schuler: Geschichte der Eidgenossenschaft.

(Schluss.)
In grossen monarchischen Ländern, wie etwa Frankreich und
Tentschland, muss man gegenüber den Parteien auf kleinem repu-
blikanischem Boden doppelte Vorsicht im historischen Urtheil be-
obachten und hier nicht einen so plötzlichen Tod und üebergang
der Conflictstoffe gewärtigen, wie sich das etwa in den heimathlichen,
massenhaften Raum und Menschenverhältnissen gestaltete. Das bi-
schöfliche Wort an Klodewich : „stolzer Sicamber, beuge deinen
Nacken; zünde an was du anbetetest und bete an was du ver-
branntest 1“ — gilt von den kleinen, alten Freiständen zu Stadt und
Land nur in sehr beschränktem Masse. Hier vererben sich,: wie
weiland auch in andern Theilen des Teutschen Reichs, Parteifeind«
schäften und Grundsätze derselben Jahrhunderte lang von einem
Menschenalter auf das andere. Die s. g. Ohrismühle bei Liestal in
Basel-Landschaft tritt z. B. schon um die Mitte des siebenzehnten
Jahrhunderts im Bauernkriege gegen die Stadt Basel hervor, spielt
dieselbe Rolle etwa hundert und fünfzig Jahre später bei dem Aus-
bruch der Helvetischen Revolution (1798J und wiederholt sie ein
Menschenalter darauf bei Anlass der Zerwürfnisse zwischen Land-
schaft und Stadt. — Dieses Beispiel sollte hier nur angerufen und
vorgeführt werden, um etwaigen Teutschen und Französischen Le-
sern einigermassen den zähen Fortbestand der Parteien in kleinen
Republiken zu erklären und den Einblick in die eigenthtimliche, bei
aller Wahrheitsliebe und voller Stoffkenntniss hervorspringende tiefe
Abneigung des Schweizerischen Geschichtschreibers nach Kräften zu
erleichtern. Jener hat übrigens, wie ein Kundiger versichert und
auch das vorstehende Werk vielfach bezeugt, für die Erforschung
der neuern Zeit, vom Anfänge des 18. Jahrhunderts an mehr ge-
sammelt, gelesen und geordnet als irgend ein Anderer, nicht nur
Bücher und Flugblätter, sondern auch eine Menge Manuscripte und
Briefe, vieles, was Andere nicht bemerkt haben. Auf eigentliche
Kunst macht dabei seine Arbeit keinen Anspruch; ihm genüge es,
sagt er aus übertriebener Bescheidenheit, gesammelt und theilweise
geordnet zu haben, was bei dem hastigen Wesen des gegenwärtigen
Geschlechts leicht vergessen werde und zu Grunde gehe.
Schon eine flüchtige Betrachtung des reichen Inhalts muss zei-
gen, dass der sorgfältige Forscher und bei vielen Gelegenheiten auch
LI. Jahrg. 1. Heft, 4
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