Heidelberger Jahrbücher der Literatur — 51,1.1858

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Nr. 29.

HEIDELBERGER

1858.

JAHRBÜCHER DER LITERATUR.

Vogel: Peter Damiani.

(Schluss.)

Denn ihre wachsende Macht trug wesentlich dazu bei, dass die
katholisch - dogmatische Centralgewalt sich theils der Lehre,
theils dem Regiment nach als Papstthum enger zusammenzog und
dadurch dem drohenden Auseinanderfallen sowohl nach innen als
aussen hin mit Erfolg zu begegnen trachtete. Die berühmte,
Mailänder und anderweitige Patalia, Lumperei (pates = Klei-
dertrödler) nun von den Gegnern verächtlich gescholten, ging von
Piemont aus. Hier trat Gariardo da Monforte unweit Asti schon
um 1028 als Meister und Haupt der religiösen Gemeinde auf,
welche weder durch das Schwert noch den Scheiterhaufen getilgt
wurde, sich vielmehr bald unter anderen Namen mit dem demokra-
tisch-republikanischen Element Mailands (s. 1056} vermischte, die
untern Volksklassen gewann und ascetisch - reformatorischen Eifer
wider die Laster des hohen Clerus, namentlich Wollust und Aemter-
kauf (Simonie), in Bundesgenossenschaft mit dem neuen , heranrei-
fenden Papstthum entfaltete, ja, selbst einzelne Glieder des hohen
Adels heranzog. Diesen gehörte besonders der sittenstrenge, für
eine durchgreifende Lebensreform begeisterte Arial do (de Alzate)
an, welcher 1066 am 28. Junius nach zehnjährigem, bisweilen
abenteuerlichem Oppositionsleben den Märtyrertod fand und als
Opfer des Erzbischofs Guido von Mailand und seines Anhanges fiel.
(S. Giulini III, 17 sq.). - Wie die spätere Patalia schon in den
letzten Zwanzigerjahren des eilften Jahrhunderts zu Montforte er-
schien, darüber berichtet der genannte Geschichtsforscher (III, 219)
nach beinahe gleichzeitigen Zeugen, welche natürlich nicht unpar-
teiisch waren, neben anderm, dass die erwähnten Absonderer
(Ketzer) Gütergemeinschaft besassen, fleissig und täglich in den
Büchern des alten und neuen Testaments, auch den Glaubens- und
Kirchensatzungen (canoni) lasen, nur ihren Meister als Oberen an-
erkannten mit der Gewalt zu binden und zu lösen, endlich die
Trinitätslehre eigenthümlich und abweichend von der katholi-
schen Kirche erklärten. Sie hielten nämlich den Vater für den
ewigen, allmächtigen Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde,
den Sohn für den von Gott geliebten Menschengeist und den
heiligen Geist für die regierende Weisheit und Erkenntniss der
göttlichen Schriften. — Den Widerruf, wird beigefügt, hätten nur
Wenige geleistet; der bei weitem grössere Theil sei mit Freudigkeit
LI. Jabrg. 6. Heft. 29
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