Heidelberger Jahrbücher der Literatur — 51,1.1858

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Nr. 28. HEIDELBERGER 1858.
JAHRBÜCHER DER LITERATUR.

Vischer: Kritische Bemerkungen über den ersten Theil
von Göthe’s Faust.

(Schluss.)
Meisterhaft sind die Strophen des Kirchengesanges durchgeführt
und als Schluss trefflich gewählt, um anzudeuten, dass es nicht das
Geglaubte, sondern die Erinnerung an die Kindheit, der Glaube „in
Form von Gesang und Glockenklang“ sei, der zu seinem Herzen
dringe, ihn dem Leben wieder gebe. Darum ruft ja auch Faust,
in diese Töne versunken, aus:
„0 tönet fort ihr süssen Himinelslieder!
Die Thräne quillt, die Erde hat mich wieder!“
Gewiss ist die Scene des Spazierganges vor dem Thore eine
natürlichere und poetisch schönere Vermittlung zwischen Faust
und Mephisto, als wenn dieser nach der Idee des Hm. Verf. als
„Sendling des Erdgeistes“, der mit Recht als die Zeugungskraft un-
seres Erdkörpers, Faust’s Wissensstreben zu veranschaulichen, im
Sinne der Magie von dem Dichter bezeichnet wird, bei Faust ein-
geführt worden wäre. Wenn Faust in dieser Spaziergangsscene
„bei dem Anblick der sinkenden Sonne von dem heftigen Wunsche
fliegen zu können, ergriffen wird“, so finden wir hierin nicht, wie
der Hr. Verf. will, „einen nachträglichen Kunstgriff“, sondern eine
naturgemässe, aus dem Seelenzustande des Helden hervorgegangene,
der früheren Scene durchaus entsprechende Entwickelung, welche
zudem durch Mepliisto’s Erscheinen in der Gestalt des schwar-
zen Pudels ganz der Sage gemäss ist. Gesteht doch der Hr. Verf.
selbst S. 9 zu, dass die Scene „von grosser episch-lyrischer Schön-
heit“ sei, ihre „Berechtigung im dramatischen Zusammenhänge“
habe, und „ganz im Sinne der vorhergehenden fortwirke“. Was
will man mehr? Hier muss doch der Tadel von selbst verstummen.
Bei der Beschwörungsscene des Faust tadelt der Hr. Verf. zuerst,
dass Mephistopheles in seiner „Selbstdefinition“ „das Böse bloss als
Zerstörung und Untergang in der Natur bestimme“. Natürlich be-
zeichnet sich, da in dieser Scene das Magische und der Volksglaube
des Mittelalters vorherrschen müssen, Mephistopheles auch in
dieser Anschauungsweise. Doch verweilt er nur länger bei der
physischen Zerstörung als seinem teuflischen Geschäfte, indem er
ja als der Sohn des Chaos und der Nacht erscheint, während er
vor seinem Falle ein Sohn des Lichtes ist, schliesst aber durchaus
seine anderen, ihm vom Volksglauben gegebenen Beziehungen
LI Jahrg. 6. Heft. 28
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