Heidelberger Jahrbücher der Literatur — 51,1.1858

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Fickler: Odalrich 11.

pelte Pflicht, hier als Lehenmann gegen den herrschsüchtigen, har-
ten und falschen Kaiser, dort gegen den gleichgearteten Papst mit
doppeltem Gewissen und ohne Beschwerde desselben zu erfüllen
verstanden, bald den Oberlehenherrn als Führer des fälligen Con-
tingents nach Rom begleitet und in der Handanlegung an den Nach-
folger des h. Petrus unterstützt, bald wenn er gebannt und be-
drängt war, wie der Apostel einer den Heiland, verläugnet und durch
Scheinreisen von seiner gefährlichen, ansteckenden Nähe fern zu
halten gewusst, ja, die Klugheit so weit getrieben, dass er, Aerger-
niss zu meiden, auch geistliche Handlungen, z. B. Priester- und
Capellenweihen, nur Delegirten, vom Bann befreiten Stellvertretern
übertrug und dergestalt leidlich zwischen Scylla und Charybdis hin-
durchsegelte. Kann man ihm das verübeln? Schwerlich: denn es
war die dem Kleinen fast einzig mögliche Zeitpolitik, wenn er nicht
völlig in die Lage „des Kornes zwischen zwei Mühlsteinen gerathen“
(S. 440 und seinen Sprengel allen Schrecknissen des Bürger- und
Factionenkrieges vollständig öffnen wollte. Dass ihn dabei „die Idee
der Selbständigkeit deutscher Nation“ (S. 45) leitete, dass er sich
mit dieser weder der Kirche noch des Kaisers entrathen wollte noch
konnte und überall, wo die eine oder andere der unabweisbaren
Potenzen bedrohet war, zu ihrem Schutze hervortrat — diese Ansicht
des ehrenwerthen II. Verfassers erscheint wohl eher ideal denn real.
— Kleine und Schwache, wenn sie nicht den Gottesfunken des un-
biegsamen Rechts-, Freiheits- und Wahrheitsgefühls in ihrer Brust
fühlten, haben von jeher, um Grosse und Starke zu bekämpfen,
Rechnung den Umständen getragen und werden es, so lange Men-
schen Menschen bleiben, noch lange genug thun.
Auch einzelne Beiträge zur unmittelbaren Culturgeschichte
liefert gelegenheitlich die kleine, meistens auf Acten gestützte Schrift.
Diess geschieht z. B. in Betreff der um den Anfang des zwölften
Jahrhunderts bereits ziemlich vollendeten Sprach- und Sitten-
ablösung Lothringens von Teutscliland; jenes war vielfach so
romanisirt oder verwälscht worden, dass es mit diesem nicht wohl
Zusammenleben mochte. —- Es hatte nämlich, wird erzählt, Bruno,
Dompropst zu Strassburg, höchst wahrscheinlich ein Angehöriger des
Zollern - Hohenberg’schen Hauses, unweit St. Peter im Schwarzwalde
auf eigenem Boden das Kloster St. Maria, oder Lothringisch St.
Mär gen, gegründet und mit Chorherrn Augustinischer Regel aus
To ul besetzt. Allein Verschiedenheit der Sprache, Lebensgewohn-
heit und Sitte befestigte eine Kluft zwischen den Teutschen und
Lothringern; jene weigerten Gemeinschaft, diese sahen ihre Reihen
durch Tod und Flucht gelichtet; auf Bitten des Propstes Dietrich
hin musste daher endlich der Bischof Odalrich einschreiten, die ver-
driessliche Angelegenheit ordnen, die Fremden mit Empfehlungsbrie-
fen in ihre Heimath entlassen und das junge Stift mit Teutschen
Chorherren besetzen (um 1120. S. 35, wo als Hauptquelle Neu-
garts Cod. diplom. Alemanniae II, Nr. 829 und 830 angezogen,
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