Heidelberger Jahrbücher der Literatur — 51,1.1858

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Lotze: Allgemeine Physiologie etc.

setz nur Erscheinung einer übersinnlichen Kraft, die übersinnliche
Kraft nur Erscheinung eines physisch - metaphysischen Substrates.
Dagegen fällt er einer Verabsolutirung des Kraftbegriffs, dessen Irr-
thum er so richtig auf dem Boden des physikalischen Naturlaufs
erkannt, dessen Irrthum er so manchen verkehrten idealistischen
Richtungen sogar auf dem Boden des Seelenlebens mit entschiede-
nem Glücke nachgewiesen hat, doch selbst in seiner Anschauung von
dem metaphysischen Wesen der Atome, der Seele und des Absolu-
ten anheim, und versperrt sich durch solchen Dogmatismus das wei-
tere Vordringen zu einer induktiven Erforschung der Probleme an
diesen Punkten; und dennoch bleibt er vor denselben nicht stehen,
sondern sein Geist verharrt in beständigem Anringen gegen dieselbe,
sein Realismus kämpft beständig gegen seinen Idealismus an, wenn
er auch zu keinem vollständigen Siege gelangt. Jenes beständige
Gähren und Weiterbilden aber, im Kample mit sich selbst und sei-
nen Ideen, ist es, was den Arbeiten Lotze’s einen ganz eigenthüm-
lichen Reiz verleiht.
2. Wider sprach und Ringen des metaphysischen
Standpunktes mit dem physischen zeigt sich nicht nur in
der Anschauung Lotze’s von dem Wesen der Atome, der Seele,
sondern recht eigentlich in dem Begriffe der Substanz, welchen er
aus diesen psychischen Monaden aufbauen muss, um seinem Systeme
einen metaphysischen Abschluss zu geben. Auch diese Vorstellung
schillert zwischen Realismus und Idealismus, und schwankt zwischen
physischer und metaphysischer Bedeutung, indem die absolute Sub-
stanz in ihrer äusseren Erscheinung als physikalischer Naturlauf, in
ihrer innern Regsamkeit als ein gegliedertes Reich beseelter Wesen
gedacht wird. Aber nicht in der psychischen Kraft der Substanz und
ihrer Atome liegt das Unbegreifliche, sondern darin, dass die seeli-
sche Kraft als das Wesen der Atome und somit als die Grundlage
des physikalischen Naturlaufs gedacht wird; dass das Produkt der
höchsten Entwicklung nicht auch als Resultante des Zusammenwir-
kens vieler Kräfte und Substanzen, sondern als Eigenschaft einer
untheilbaren Seeleneinheit und zugleich als das metaphysische We-
sen der Bestandtheile des Organismus betrachtet wird. Aus dem
Organismus soll sie freilich nicht hervorgehen, aber ihre Qualität
wird doch als durch dessen Einwirkung bedingt hingestellt. Wie
die individualisirte Wesenseinheit einestheils in eine einheitliche See-
lenmonade verlegt, anderntheils in alle ebenfalls individualisirte Atome
des Organismus wieder aufgelöst wird; wie das einheitliche Bewusst-
sein einestheils an eine einheitliche Seelenmonade gebunden, und
anderntheils wiederum in eine atome Masse selbständiger, bewusster,
den Körper bildender Monaden zersplittert wird: ebenso sinkt die
Individualität und Personalität des Absoluten zu einer machtlosen
Monade neben andern herab, wenn diese beiden Eigenschaften nicht
Resultante vieler Wirkungen sein sollen, wie Lotze, in idealistische
Metaphysik zurückfallend, behauptet. Aus den vielen seelischen
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