Heidelberger Jahrbücher der Literatur — 51,1.1858

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Mayer: Der welthistorische Process.

lieit allein im Bewusstsein des modernen Menschheitsgeistes nach
dem Hm. Verf. liegen soll, würde sie nicht auf diese Weise in der
Summe aller jetzt lebenden Menschenindividuen zu suchen sein?
Was würde aber für eine Wahrheit bei diesem Zusammenzählen zu
Stande kommen? Wo wäre dann ein sogenanntes modernes Bewusst-
sein zu finden? Erscheint hier nicht die sogenannte „objective Sache“
des Hm. Verf. als die Summe aller Subjectivitäten, und kommt aus
einer solchen Summe irgend eine Einheit heraus, die man zum Prin-
cip der Philosophie machen kann?
Im zweiten Th eile (S, 91—104) wird nun dieses Princip
eines sogenannten welthistorischen Process es, nach dem es
im ersten Tliei 1 e für die theoretische Philosophie aufge-
stellt worden ist, auf die praktische Philosophie angewendet.
Das System der Moral, des Rechtes und des Schönen soll
auf dieselbe Weise aus dem gleichen Principe abgeleitet werden.
Kann, wie Ref. gezeigt hat, dieses Princip das dialektische oder
logische Princip der Vermittlung in der theoretischen Philosophie
nicht ersetzen, so ist natürlich seine Anwendung auch in der prak-
tischen unhaltbar. Der Hr. Verf. bat für das Ethos S. 94 keinen
andern Maassstab, als „die treue Erforschung der in der modernen
Welt als der bis jetzt höchsten Stufe des geistigen Processes aus-
geprägten ethischen Grundanschauung.“ Was oben von dem mo-
dernen Bewusstsein und der jedesmaligen Ansicht des Menschheits-
geistes gesagt wurde, gilt natürlich auch von dieser sogenannten
ethischen Grundanschauung. Auch hier wäre die Frage aufzuwer-
fen, worin diese „ethische Grundanschauung“ des jetzigen Mensch-
heitsgeistes bestehe, und auch damit haben wir ja nach dem Hm.
Verfasser selbst noch kein ethisches Princip, weil dessen Grundan-
schauung nur ^relativ wahr“ sein soll, also später immr wieder einer
andern Platz machen wird. Was soll uns aber ein Ethos, dessen
relative Wahrheit vielleicht in einiger Zeit in das Gegentheil um-
schlägt? S. 97 wird im Ethos die M oral (bonestum) und das Recht
Qustum) unterschieden und diese Gegenstände nach dem bereits be-
sprochenen Principe behandelt. Auch, was die Idee der Schön-
heit betrifft, will der Herr Verfasser Seite 103 als die „höchste
künstlerische Grundidee“ nur „das von der modernen Welt-
ansicht bestimmte Schönheitsideal“ gelten lassen. Was von dem
ethischen Princip desselben gesagt worden ist, gilt auch von seinem
ästhetischen Princip. Dieselbe Frage wiederholt sich auch hier, wo-
rin sich dieses von der modernen Weltansicht bestimmte Schön-
heitsideal von den durch frühere Weltansichten bestimmten Idealen
unterscheide.

(Schluss folgt.)
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