Helbig, Wolfgang
Führer durch die öffentlichen Sammlungen klassischer Altertümer in Rom (Band 1): Die vatikanische Skulpturensammlung. Die kapitolinischen und das lateranische Museum — Leipzig, 1891

Page: 111
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CORTILE.

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Dargestellt sind zwei Frauen, welche einen Stier zum
Opfer führen. Da sich das Thier sträubt, zieht die hintere
Frau das Seil, welches man sich um die Horner und die
Stirn des Stieres geschlungen zu denken hat, scharf an ;
die andere schreitet vor dem Stiere, indem sie den Kopf
nach ihrer Gefährtin umwendet und dieselbe anredet.
Ungewiss bleibt, ob das über dem Nacken des Stieres
emporragende kandelaberförmige Weihrauchgefäss (Thy-
miaterion) von der voranschreitenden Frau in der R. ge-
halten wurde oder ob wir uns dasselbe ohne Beziehung
zu dieser Figur im Hintergrunde befindlich zu denken
haben. Für welche der beiden Annahmen man sich auch
entscheiden mag , jeden Falls lässt die Gegenwart dieses
Geräthes darauf schliessen, dass das Relief die Vorberei-
tung zu einem Opfer darstellt. Als Grundlage für die
Composition diente offenbar eine der Reliefplatten, welche
die Balustrade des auf der athenischen Akropolis befind-
lichen Tempels der Nike Apteros schmückten, eines
Tempels, dessen Erbauung kurz vor den Beginn des
peloponnesischen Krieges fällt. Doch scheint der Bild-
hauer dabei entweder noch andere selbständige Vorbilder
oder malerische Umbildungen der attischen Composition
benutzt zu haben. Auf der Balustrade sind die Frauen
durch Beflügelung als Siegesgöttinnen charakterisiert,
während sie auf dem vatikanischen Exemplare unbeflügelt
erscheinen und demnach wohl für Bakchantinnen zu er-
klären sind , die einen Stier behufs eines dem Dionysos
darzubringenden Opfers heranführen.

Visconti Mus. Pio-Cl. V 9. Pistolesi IV 99. Miliin gal. myth.
pl. 54, 267. Guigniaut rel. de l'ant. pl. 111, 468. Kekule die Ba-
lustrade des Tempels der Athena-Nikc T. Id p. 31—38. Weiteres
bei Friederichs-Wolters n. 809. Vgl. Ilauser die neu-attischen Re-
liefs p. 71 n. 100b. Abhandlungen des arcli.-epigr. Seminars in
Wien VIII (1800) p. 34.
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