Kunsthistorische Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses <Wien> [Editor]
Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses (ab 1919 Jahrbuch der Kunsthistorischen Sammlungen in Wien) — 1.1883

Page: 213
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INVENTAR

DER IM BESITZE DES ALLERHÖCHSTEN KAISERHAUSES BEFINDLICHEN
NIEDERLÄNDER TAPETEN UND GOBELINS.

Von

Dr. Ernst Ritter von Birk.

?on allen Kunstschätzen, die im Laufe der Jahrhunderte durch die Munificenz des
• Allerhöchsten Kaiserhauses erworben wurden, ist die Sammlung der Tapeten (Tapis-
Iseries de haute lisse) ihrem reichen Inhalte nach bisher gänzlich unbekannt geblieben.
Werthvolle Erzeugnisse des von den belgischen Provinzen ausgegangenen Kunst-
gewerbes, vom sechzehnten Jahrhundert bis zum gänzlichen Erlöschen im vorigen,
|bilden in überraschender Menge den Grundstock der Sammlung. Von besonderer
»Seltenheit sind die Tapeten der herzoglich lothringischen Fabriken in Nancy und La
Malgrange, die hier allein sich erhalten haben. Daran reihen sich auserlesene Leistungen der Pariser
Gobelinsfabrik, die heute noch die alte Technik des einst so hoch geschätzten Gewerbes zu erhalten strebt.
Der Anzahl wie dem Kunstwerthe der vorhandenen Stücke nach hat die kaiserliche Sammlung den
Vergleich mit den grössten in Madrid und Paris nicht zu scheuen, sie reiht sich ihnen vielmehr würdig an.
Kunstleistungen von Brüssler Meistern, von der höchsten Vollendung bis zum gänzlichen Verfall, dürften
wohl nirgends in so lehrreicher Anzahl zu finden sein.

Nur eine Auswahl dieser kostbaren Denkmale der Vergangenheit hat in der kaiserlichen Hofburg zu
Wien und in den königlichen Schlössern zu Prag, Budapest etc. als Wandschmuck dauernde Verwendung
gefunden. Der grösste Theil der Sammlung wird in einem Nebengebäude des kaiserlichen Lustschlosses
zu Schönbrunn zusammengelegt verwahrt und so gegen schädliche Einwirkung von Licht, Rauch und
Staub möglichst gesichert. Nur bei besonderen kirchlichen, wie Hoffesten, schmückt ein Theil dieser
werthvollen Tapeten durch wenige Tage Wände und Pfeiler der Kirche oder die Prunkgemächer und
Gallerien der kaiserlichen Hofburg. Derlei festliche Momente sind jedoch wenig geeignet, die in ver-
schwenderischer Fülle die Wände deckenden Darstellungen eingehend zu betrachten und deren Kunstwerth
zu würdigen. Diese der ursprünglichen Bestimmung der Tapeten entsprechende Verwendung ist die Ver-
anlassung, dass ein ebenso seltener als kostbarer Bestandtheil der Allerhöchsten Kunstsammlungen Forschern
wie Kunstfreunden unbekannt geblieben.

Es ist ein schöner Erfolg der neueren Kunstforschung, dass nunmehr jene lange Zeit aus der Mode
gekommenen und kaum mehr beachteten Erzeugnisse der Tapissiers eifrigst wieder hervorgesucht und in
hohem Werthe gehalten werden. Haben auch im Laufe der Zeiten oftmaliger Gebrauch wie sonstige schädliche
Einflüsse die ursprüngliche Farbengluth der Tapeten mehr oder minder gebleicht, so ist doch ihr andauernder
Kunstwerth nicht zu verkennen. Nicht selten haben sich in ihnen allein Compositionen berühmter Meister
in treuester Nachbildung erhalten, deren Cartons längst verloren gegangen sind.
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