Journal für die Baukunst: in zwanglosen Heften — 3.1830

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2, Dietlein, Vorlesungen über Strafsen- Brücken- und TPasser-Bau.

zu setzen. Könnte dies ohne Hindernifs geschehen, und die Sehne des
Bogens sich so weit verlängern, bis alle Verbindungen vollkommen ange-
zogen wären, so würde das Setzen von selbst aufhören, und dann gar kein
wagerechter Schub vom Bogen erzeugt werden. Da derselbe aber stets
zwischen Hindernissen liegt, welche eine solche Verlängerimg seiner Sehne
nicht gestatten, so mufs auf jene Hindernisse nothwendig ein gewisser
Schub Statt finden.”

„ Die einfachste Art, die Gröfse dieses Schuhes zu finden, ist die, das
hölzerne Gewölbe wie ein steinernes anzusehen und die Gröfse des wa-
gerechten Schubes zu suchen, den es von demselben Gewichte erlei-
den würde, und in welchem die Höhe von der Sehne bis zum Schei-
tel lind die Länge der Sehne dasselbe Verhältnifs zu einander hätten
wie im hölzernen. So erhält man zwar nicht den wahren Werth des
wagerechten Schubes, aber doch eine Grenze, unter welcher derselbe
bleibt, und wonach man die Stärke der Mitte!-- und Stirnpfeiler bestim-
men kann *).”

108. Die Wiebekingsehen Holzbogen-Brücken unterscheiden
sich von den auf die vorbeschriebene Weise angeordneten wesentlich nur
darin, dafs bei ihnen die Curven aus möglichst langen Stücken, also aus
beinahe unverkürzten Stämmen gebildet werden, welches geschieht, indem
man die Hölzer anfänglich durch Belastung an einem Ende, während das
andere eingeklemmt ist, hernach aber durch Fufswinden, in durch Ket-
ten gebildete Ringe gesetzt, und durch Zwingen und Keile nach der er-

*) Die hier beschriebene Brücke ist denjenigen sehr ähnlich, welche vor mehre-
ren Jahren zu We is senfeis und Halle über die Saale, und zu Freiburg über die
Unstrut erbauet wurden, und die bis jetzt völlig fest und dauerhaft gewesen sind.
Diese Brücken überspannen Öffnungen von 100 Fufs weit und darüber. Daher kann
man die beschriebene Construction , wenn inan hinlänglich starke, steinerne Stirn- und
Mittelpfeiler macht, mit Zuversicht auf Spannungen von 100 bis 120 Fufs anwenden.
Nach der Überzeugung des Herausgebers sind aber die Fälle, -wo solche weite Span-
nungen und künstliche Werke wirklich unvermeidlich nothwendig wären, höchst
selten, und wo das Künstliche nicht unvermeidlich ist, geht ihm das Einfachere zu.
verlässig vor. Nicht derjenige Baumeister verdient das meiste Lob, der das künst-
lichste Werk zu Stande bringt, sondern der, welcher den Zweck mit den ein-
fachsten und natürlichsten Mitteln erreicht; denn ein solches Werk zeugt nicht
allein von noch gröfse rem Scharfsinn, sondern .auch zugleich davon, dafs ihm der
Zweck mehr galt als der Ruhm, der ihm daun aber um so mehr gebührt; und auf
längere Zeit ist gewifs auch immer das einfachste Werk das dauerhafteste.

Anin. d. Herausg.
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