Journal für die Baukunst: in zwanglosen Heften — 3.1830

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9. S. Ware's Project zum Tunnel in London.

In neueren Zeiten bediente man sich eines wohlfeileren Verfahrens, als
das der Semiramis; diese liefe nemlich einen Canal zur Aufnahme des
Wassers bauen; eben so auch Trajan, der, um über die Donau eine Brücke
zu schlagen, den Flufs durch einen Canal ableiten liefe. Wir haben vor kurzem
gesehen, dafe die Fundamente der Waterloo- und South w ar k s - Brücke
im Bette der Themse zwischen Fangedämmen, welche dienten den Raum
den sie einschliefeen vom Wasser frei zu erhalten, und wobei die Dampfma-
schinen von wesentlichem Nutzen waren, im Trocknen gemauert wurden.

Auf ähnliche Weise könnte man einen Bogengang von den gehö-
rigen Abmessungen unter einem Flusse bauen, mit nicht mehr Unterbre-
chung für die Schiffahrt auf der Themse, als ein Schiff verursachen würde,
welches quer über den Flufe fahrend auf einen Pfahl stiefse und deshalb
einige Monate liegen bleiben müfste*).

Nachdem der obige Entwurf gemacht war, erschien eine Bekannt-
machung der Absicht, beim Parlament um die Erlaubnife anzuhallen, eine
eiserne Kettenbrücke über die Themse von einem Theile des Kirchspiels
St. Batolph, Aldgate nach einem Theile von St. Mary, Bermondsey
errichten zu dürfen, so hoch, dafe die Schilfe bei der Fluth, ohne die
Blästen niederzulegen, darunter wegfahren könnten.

Alle diese wiederholten Bemühungen, einen Weg durch die Themse
ostwärts von der London-Brücke zu erhalten, nebst der Thatsache, dafe
die London-Brücke in der Mittagszeit wegen des Gedränges von Men-
schen kaum zu passiren ist, beweisen, dafe eine Verbindung der beiden
Ufer der Themse an dieser Stelle schlechterdings nothwendig ist. Es
kommt hierbei auf folgende Fragen an: 1) Welche Bau-Art ist die beste?
2) Wie kann der Bau mit Sicherheit ausgeführt werden? 3) Welche ist
die beste Stelle für den Übergang? 4) Ist ein solches Bauwerk an dieser
Stelle nicht von solcher politischen Bedeutung, dafe der Staat, da ihm die
Ausführung zugleich noch durch den Grundbesitz der nördlichen Zugänge
erleichtert wird, die Arbeit unternehmen und dann den öffentlichen Ge-
brauch gegen einen Zoll, nach dem Verhältnifs der Benutzung, gestatten
könnte? 5) Sollten etwa bei Errichtung der neuen London-Brücke die
nöthigen Fangedämme, um dem hohen Wasser zu widerstehen, von einer
solchen Breite sein müssen, dafe sie eine Anschwellung des Flusses und
eine Vertiefung des Stromstrichs verursachen könnten, wodurch die jetzige
Brücke zerstört oder unzugänglich gemacht würde? Die alte Brücke wird
nemlich so lange bleiben müssen, bis die neue errichtet ist, und müfete
dann ein solcher Weg nicht eine grofee Erleichterung für die South-
warks-Brücke sein, bis eine Nothbrücke hinzugefügt ist? Wenn man
die Mittel und Kosten des Baues der neuen London-Brücke'**) ver-
gleicht, hat dieses Unternehmen dann nicht den Vorzug?

Am Isten December 1823, Samuel Ware.

*) Wahrscheinlich eine Anspielung auf einen solchen Vorfall. Anm. d. Übers.

**) Man sehe Journal of Science Roy. Inslit. No. 29., 30. und 31. 1823. und
Tracts on Vaults and Bridges 1822.
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