Journal für die Baukunst: in zwanglosen Heften — 3.1830

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15. Ros enthal, über Griechische Baukunst.

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welche die zweckmäfsige terrassenförmige Anordnung der Sitze von selbst
darboten, ohne daran zu denken, dafs ein solches Werk, beim Mangel
vollständiger Mauern und der Decke, nicht einmal zu den eigentlichen
Gebäuden zu rechnen war.

Auch die Tempel boten in der Zelle und Vorzelle nur die nö-
tbigen Räume dar; die offenen Säulenhallen dagegen, welche die gre-
iseren Gattungen, doch gewifs nicht in sehr frühen Zeiten, ganz oder
zum Tlieil umgeben, sind zwar aus dem Bedürfnisse, aber einem höheren
und feineren entsprungen. Indefs mögte ich doch die Meinung, dafs man
durch sie Schutz gegen Regen und Sonnenstrahlen beabsichtigt habe, nur
von den verhältnifsmäfsig grofsen Vorhallen vor den Zellen gelten lassen;
die Seitengänge sind zu diesem Dienst zu schmal. Nichts aber spricht
die öffentliche Lebensweise der Griechen und das heitere Klima, von dem
jene erzeugt wurde, edler, einfacher und kräftiger aus, als die nach allen
Seiten hin freundlich und einladend sich öffnenden Hallen.

Neben den Tempeln sind auch die Propyläen bemerkenswerth.
Das Bediirfnifs hat sie nicht unmittelbar hervorgerufen; und obgleich ihr
wahrscheinlicher Zweck, mit anständigen Zugängen zu den Heiligthümern
zugleich schattige Versammlungsörter zu verbinden, vollkommen gerecht-
fertigt werden kann: so entspricht doch die Idee, statt einfacher Eingangs-
Öffmmgen, förmliche Gebäude zu errichten, der sonst so streng festgehal-
tenen Einfachheit nicht ganz; es scheint, als ob die Griechen hier, wo
eine unmittelbare Beziehung auf das Bediirfnifs fehlte, nicht so vollkom-
men klar als sonst ihre Aufgabe erfafst hätten.

Zwar sind die innern Säulengänge der Propyläen zu Athen und
Eleusis, die mit Recht als die vollkommensten Gebäude dieser Art an-
gesehen werden können, eine glückliche Bezeichnung des mittleren Haupt-
thores, zu dem sie führen; aber für das Ganze sind sie um so weniger
hinreichend, da sie von Aufsen kaum bemerkt werden; anders ist es frei-
lich mit den Flügeln, die am Propyläon zu Athen auf beiden Seiten vor-
treten, und dadurch das Eingangsthor bezeichnen; allein diese sind Ge-
bäude für sich und unterstützen deshalb wohl den Character des Haupt-
gebäudes, können ihn aber allein nicht hinlänglich darstellen. In der äu-
fseren Ansicht des eigentlichen Propyläons wiederholt sich lediglich die
Tempelfront eines Prostylos; so scharf und deutlich als bei den Theatern
und Tempeln ist die Bestimmung des Gebäudes hier mithin nicht ausgedrückt.

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