Kladderadatsch: Humoristisch-satirisches Wochenblatt — 44.1891

Page: 456
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H p f e r -es An glaube ns.

Herr Superintendent Gensiche» hat in der 1-4 Sitzung der General-
synote eine ergreifende Geschichte von einen, jungen Theologen erzählt, der
hu Golfeg die Feder niederlegte, im Herzen gebrochen, weil der Vortragende
Professor freigeisligc Ansichten äußerte. Wir Iheilen einige ähnliche Fälle mit,
die in erschreckender Deutlichkeit zeigen, wie verderblich der Unglaube wirkt,
wenn ihm der Zutritt zum Katheder eröffnet wird.

Der Studiosus Biedermeyer schrieb im Golfeg eifrig und arglos nach,
als plötzlich der sonst nicht schlecht beleumdete Professor erklärte, daß die
wisjenschastliche Forschung die biblischen Wunder nicht für objektiv wahr
halten könne. Biedermeyer versuchte dies zu Papier zu bringen, aber
die Feder sträubte sich; >r tauchte sie wieder und wieder ein, doch sie gab
keine Tinte mehr her. Noch einige Minuten hörte der junge Mann mit
Widerwillen die Lästerungen an, dann wurde ihm übel und er verließ den
Saal. Planlos irrte er umher: die Erinnerung an das Gräßliche, das er
hatte hören müssen, vcrsotgte ihn fortwährend und ließ ihn nicht zur Ruhe
kommen.

Er kannte bis dahin noch kein Bier, aber er hatte gehört, daß dieser
Saft, in einem genügenden Quantum genossen, den Geist angenehm betäubt
und über alles Widerwärtige den Schleier des Bergesjens breitet. In seiner
Verzweiflung eilte er schließlich In ein Wirthshaus, wo mehrere Commilitonen
beim Quodlibet saßen. Er betheiligte sich, und es gelang ihm, sich Ver-
gessenheit zu trinken. Er fand Gesallen an der Sache und saß am nächsten
Mittag schon wieder beim Quodlibet. So trieb er es Tag für Tag, bis er
gegen die Mitte des Semesters im Hellen Säufertvahnsinn die Universitäts-
stadt verließ. Er hat nie wieder etwas von sich hören lassen.

Derselbe ketzerische Prosessor hat auch den Stndirenden der Theologie
Gottlieb Sausewind auf dem Gewissen. Dieser nahm die Herabsetzung

der Wunder nicht ruhig hin: er schlug mit der Faust auf den Tisch, rief mit
lauter Stimme: „Unsinn! Ich protestire!" und verließ in demonstrativ ge
räuschvoller Weise das Local. Er hatte sein mannhaftes Eintreten für die
reine Lehre mit einer Carcerhast von vier Wochen zu büßen Als er seine
Strafe abgesessen hatte, warf er dem Prorector und dem Universitätsrichtcr
die Fenster ein. Bei diesem wohl nicht ganz zu rechtfertigenden Racheakt
wurde er abgcsaßt und schon an! nächsten Tage relegirt.

Jetzt riethen ihm ivohlincuiende Leute, die Theologie aufzugebcn, iveil
die erlittenen sSIrafen seinem Fortkommen aus der Kanzel hinderlich sein
ivürden. Er that dies und studirte fünf Jahre Philologie, ohne aber in
dem neuen Fache Besricdigung zu finden. Ebenso wenig glückte es ihm mit
der Juristerei, der er sich dann zuwandte. Jetzt ist er Mcdiciner im sieb
zehnten Semester, aber seine Bekannten zweifeln -daran, daß er es jemals
bis zum praktischen Arzt bringen wird. Wäre er nicht aus der Carrier«,
die seinen Wünschen und Anlagen entsprach, gewaltsam herausgcdrängt
worden, so ivürde er vielleicht schon Superintendent sein.

Etwas besser erging es dem 8tnä. theol. Schlaufe, obgleich auch er aus
seiner Lebensbahn gestoßen ivurde. Als ein Professor erklärte, daß auch die
Prolestantenvereinler berechtigte Mitglieder der Kirche seien, ergriff er mit
dem Ausrus: „Für solchen Verkehr danke ich:" seine Mappe, verliey den
Collegiensaal und trat zur katholischen Kirche über.

Schlaule hatte nachher keinen Anlaß, mit der unerwarteten Wendung
seines Geschicks unzufrieden zu sein, denn er ivurde in den Jesuilenordcn
ausgenommen und bekleidet jetzt eine hohe Stelle darin. Auf dem frei-
geistigen Herrn Professor lastet der Vorwurf, daß er eine ganz hervorragende
Krast unserer Kirche entsremdet und in die Reihen derjenigen getrieben hat,
die tvir als unsere Gegner mit allen Kräften bekämpfen müssen.

Der Ileverfakl von Aahcvurg.

stur offiziöse und vyyosilivnelle Plätter.

Dem Altreichskanzler Ist eS wieder einmal gelungen, eine Siörung der
öffentlichen Ordnung in großem Stil in Scene z» setzen. Diesmal hatte er
sich das Städtchen Ratzeburg zum Schauplatz seiner tumultuarischcn Thätig-
lcit ausersehe».

Es hatte zwölf Uhr geschlagen, und die arglosen Bewohner saßen nach
guter alter Landessitte gerade beim Mittagessen, ats der Fürst plötzlich in
einem Extrazuge aus dem Bahnhof erschien. Der Ucberfall glückte vollständig,
kein Polizist war da, um die nöthigen Abspcrrungsmaßregeln zu treffen. Sv
rückte der Fürst mit seinen Begleitern in daS Städtchen ein, ohne auf
Widerstand zu stoßen.

Bekanntlich können sich manche Leute noch immer nicht init deni Gedan-
ken vertrant machen, daß Fürst Bismarck nur noch eine Privatperson
ist, und so ströniten, als die Nachricht von seiner Ankunft sich verbreitete,
viele Neugierige zusammen, die den einst so mächtigen Man» noch ganz in
der srüheren Weise mit lauten Hurrah- und Hochrnsen begrüßten. Auch die
liebe Schuljugend, die sich ja überall einstelll, >vo es etwas zu sehen gibt
fehlte nicht und zeigte ych unermüdlich im Abiingeu von ivgcnanntcn patrio.
tischen Liedern. Auffälliger Weise wurde sie von ihren vollzählig erschienenen
Lehrer» i» Ihrem lärmenden Treiben durchaus nicht gestört, vielmehr noch
darin bestärkt. Bedauerlich ist cs auch, daß die Feuerwehr, die in ersier
Reihe berufen gewesen iväre, die Ordnung und Ruhe wiederherzustelle», sich
eifrig an dem Tumult beiheiligte.

Der Fürst hütete sich natürlich, die aufgeregte Menge zu beruhige», er
reizte sie vielmehr durch iviederholte Ansprachen zu immer neuen Dcmonslra-
tionen. Als die ganze Bevölkerung sich heiser geschrien und der Fürst seinen
Zweck erreicht hatte, zog er sich in das Dunkel des Sachscmvaldes zurück.
Am Abend lag wieder friedliche Ruhe über dem Städtchen.

den Aeicksfckatifecretcir

JFrljni. von Rlaltiuljn-Gülh.

Es ist alles jetzt sehr dürftig und theuer,

Dennoch sinnt man auf Verinehrung der Steuer
Denn nian versteht sich Hierselbst ebenso
Aufs leidige Plusmachen als anderswo.

Schildburg II, 22 V. 41. Wittrve §cfmaierm §oßa.

^rivattclcgramm. Heute ist in Berlin kein Bankier verhaftet worden
und kein Selbstmord wegen Pleite vvrgekvmmen.

Der Aögekein Dank.

bvti Jabrcn qäujlici

Brav, liebe Leute! Das war wohl gemacht!
Wir iverden unsern Dank euch bringen,

Wenn ivieder glänzt der Lenz in seiner Pracht
Durch freudiges und sleiß'ges Singen.


Nichts Schlimmer- gibt es auf der weiten Wett
Als die verruchten Vogelfänger,

Die ohne Schonung Wald und Flur und Feld
Berauben Ihrer freie» Sänger.

O folgten andre eurem Beispiel gern,

Den Menschen wahrlich nütze» könnt' es

Mehr als sie glauben. Nochmals Dank, ihr Herrn,

Für de» Beschlußs! Vivant sequentes!

Au Kerrn Dr. Htto Arendt zu Berlin.

Verehrter College!

Bravo! Zu Ihrem ersten ernsthaften Versuch auf den, Gebiete der höheren
journalistischen Thätigkcit muß ich Ihnen meine Anerkennung aussprcchen.
Die Ruhe und Bestimmtheit, mit der Sie Ihrem Herrn Reichskanzler au
zeigten, daß er amtsmüde ,e>. lagt kaum noch etwas zu wünschen übrig. Nur
immer frisch iveitcr, lasten Sie sich nicht irre machen! Für einen Mann ivie
mich, der allmählich das Aller nahen fühlt, ist cs eine Freude, das Auftauchen
einer so rüstigen jungen Kraft zu beobachten. Ich gebe Ihnen meinen Segen
und vermache Ihnen für den Fall, daß ich plötzlich aus meiner Thätigkeit ab
gerufen werde, eine Feder, mit der ich einige meiner besten Sachen geschrübcn

Mit freundschaftlichem Gruß

im Dccemter 1891. Spperl von Blotmh.

Der Abg. von Frcge macht den Vorschlag, den Ministern ihr Gehalt
nicht mehr in Geld, sondern in Naturalien auszuzahle».

Verschiedene agrarische Agitatoren haben sich bereit erklärt, zu diesem
Zweck icdes gewünschte Quantum von Kohl zu Iicjcrn.

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