Koldewey, Robert; Puchstein, Otto
Die griechischen Tempel in Unteritalien und Sicilien: Text — Berlin, 1899

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DER IONISCHE TEMPEL IN LUC'Hl

nach Art eines Prostylos angenommen hat. Beide begehen dabei
den Irrtum, dass sie den einzigen Rest der Ringhalle, der in
dem Fundament für die Stufen des Tempels bestellt, als Stylobat

der Peristasc auffassen. Endlich vermögen wir im Gegensatz
zu Petersen keinerlei Spuren von Holzsäuion oder von Holz-
verkleidungen der Parastaden anzuerkennen.

Die alte Cella und ihr Umbau.

Abb. 1. Die NO-Ecke der alten Cella:
das Frontfundament und die verbrämte Ante.

Indem wir die Reste einzeln betrachten, beginnen wir mit
der Front der alten Cella.

Längs der Ostfront liegt noch eine Steinschicht, die au jeder
Ecke eine grofse Quader enthält und dazwischen zAvei Reihen:
vorn zwei grofse Qua-
dern, hinten mehrere
kleinere, die nicht voll-
ständig erhalten sind.
Die Schicht ist nicht
fündamentiert, wes-
halb besonders die SO-
Quader geborsten und
gesunken ist und die
Reihen auseinander
gerutscht sind. Die
Steine der vorderen
Reihe schliefsen nur
an der Front gut, nach

innen öffnet sich die Anathyrose. Auch an den beiden nördlichen
Steinen der Binnenreihe schliefst nur die westliche Kante gut, wie
denn überhaupt an der ganzen Cella die Anathyrose der Quadern
nur zweiseitig ist: aufsen und innen ein mehr oder weniger
breiter Rand, während oben die Fuge klafft. Natürlich müssen
dieser klaffenden Innenfüge wegen auf einer solchen Schicht
noch weitere Quadern gelegen haben. Durch später augelegte
Gräber, wie" sie hier im Osten der Ruine häufig auftreten, sind
die Quadern innen, in der Mitte und aufsen an der NO-Ecke
angeschnitten worden. An der Ecke sieht man einen unregel-
mäfsigen Einschnitt für das eigentliche Grab, dann südlich
davon den für die Stelenbettung. Letzteren hat Petersen
S. L76, 1, der die Gräber nicht erkannt zu haben scheint, für
einen Merkpunkt für den Neubau gehalten, der nach Dörpfeld
in die Längenaxe des neuen Tempels falle. Auf der Oberfläche
der grofsen Steine der vorderen Reihe sind in der Mitte sowie
rechts und links in einem Abstand von 13—15 cm vom Ostrand
Standflächen besonders sorgfältig geglättet und dabei ein wenig
vertieft. Ob diese an den Spuren des scharfen Arbeitsinstruments
kenntlichen Standflächen auch auf die Binnenreihe übergriffen,
ist unmittelbar nicht mehr auszumachen.

An diese Schicht müssen nun nach Westen zu die Quadern
für die Cellawand angeschlossen haben; sie sind nicht sichtbar.
Vorhanden ist von den beiden Cellawandenden nur je eine Quader
der nächst höheren Schicht, diese aber infolge des Umbaues
nicht mehr in dem ursprünglichen Zustande. Sie waren
wiederum mit der zweiseitigen Anathyrose und zwar mit sehr
breitem Rande (15 ein) versehen und. wie im Norden deutlich
ist, ursprünglich 92 cm breit; nachträglich aber sind sie auf
drei Seiten mit Steinen ans härterem Material verkleidet worden

(Abb. 1), und zu diesem Zwecke hat man die nördliche Quader
innen auf 77 cm abgearbeitet: ebenso ist das Ostende roh ab-
gehackt. Im Süden liegt im Ganzen derselbe Zustand vor, aber
hier ist die Wandquader nochmals auf 48 cm keilförmig aus-
geschnitten und dabei auch ein Stück des inneren Verkleidungs-
steines roh abgehauen worden, und das, um für die SO-Ante
des neuen Tempels Platz zu gewinnen. Man muss hier
zweifellos ursprünglich dieselbe Breite der Verkleidung an-
nehmen, die sie an der Nordwaud hat, nämlich L.32 m. Das
ist genau ebensoviel wie das Mals der Verkleidung vor den
beiden (istlichen Fronten, während die nach aufsen blickenden
Flächen gleichmäfsig 92 cm breit sind. Daraus ergiebt sich für
die beiden Ccllawandstirnen der gewöhnliche Grundriss von in
sich unsvmmetrischen aber einander vollkommen entsprechen-
den Anten, s. Abb. 3 unten, und zwischen diesen Anten sind selbst-
verständlich Stützen anzunehmen, die in ihren Abmessungen mit
dem Hauptantenmafs von L.32 m correspondirt haben müssen:
es ist jedoch zu berücksichtigen, dafs wir bei den verbrämten

Anten nur die Fundainentie-
l'ung für einen nicht mehr er-
haltenen Oberbau vor uns
halien. Die Fundamente der
Stützen, die wie die Anten
zum Teil auf der noch vor-
handenen Ostschicht aufge-
sessen haben müssen, sind ver-
schwunden, was sich ohne wei-
teres aus der gefährlichen
Nähe der Ostfront der neuen
Cella, erklärt. Keinesfalls
darf die niedrige Ostschicht
mit den Anten in irgend
welche construetive Verbin-
dung gebracht, noch dürfen
ausschliel'slich mit Hülfe der

Abb. 2. Die drei Fundamente inmitten

der alten Cella:

1. oben vor der SW-Ecke der Cella der

Bothros des neuen Tempels.

einzelnen zufällig erhaltenen Steine ihrer Binnenreihe Funda-
mente für die Zwischenstützen reconstruirt werden, wie es
Petersen a. a. 0. S. 171 und 175 gethan hat, wobei er ge-
zwungen war, Holzsäulen anzunehmen. Will man sich die ur-
sprüngliche Gestalt der ältesten Cellafront vergegenwärtigen, so
mufs man von der späteren Umwandlung in eine Antenfront
absehen und mm ausseid iefslich die vorhin erwähnte Arbeits-
spur auf dem östlichen Fundament berücksichtigen. Daraus ist
sicher zu schliefsen, dafs die Cellawände ursprünglich nach
Osten weiter vorragten und zwar bis an die Flucht der Arbeits-
spuren der Standflächen, dafs sie dann nach innen zu umbogen
und endlieh eine breite Oeffnung zwischen ihnen blieb, worin
auf der mittleren Standspur eine einzelne Zwischenstütze ruhte
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