Koldewey, Robert ; Puchstein, Otto
Die griechischen Tempel in Unteritalien und Sicilien: Text — Berlin, 1899

Seite: 55
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DER ALTDORISCHE TEMPEL IN TARENT

Die einzige dorische Colonie in Unteritalien, von den
| Spartanern gegründet, ist Tarent, Von den vielen
Heiligtümern, die die grofse und bis in späte Zeit
blühende Stadt enthielt, ist bis jetzt nur ein einziges und auch
das nur durch ganz geringe archi-
tektonische Reste bekannt, aber
diese Reste sind besonders wertvoll
und wichtig, da die altdorischen
Formen, die sie uns veranschau-
lichen, ganz deutlich auf Syrakus,
auf den in archaischer Zeit archi-
tektonisch nahe verwandten Doris-
mus der dorischen Colonien Sici-
kens hinweisen; von den anderen
Heiligtümern wissen wir haupt-
sächlich nur durch topographisch
nicht fixierbare Erwähnungen bei
den antiken Autoren oder durch
Schlüsse aus Terracotten und
anderen Funden, die seit etwa

zwei Jahrzehnten dem Boden Tarents entstiegen sind (man
vergleiche u. a. die Uebersichten von Evans im Journal of hellenic
studies VII 1886, 1-50 oder von Dal Dago in Tropeas Rwista
dt storia antica e scienze affin: Messina 1896 I und II).

Die seit lange vergessenen Ueberreste
eines altdorischen Tempels hat Viola 1881
in dem Hof des Oralono della Congrega
della Trinitä wiederentdeckt (in der Via
Maggiore, nahe der grofsen eisernen
Drehbrücke, die den modernen Canal
zum Mare Piccolo, dem heutigen Kriegs-
liafen, überspannt) und zum ersten Male
sachverständig untersucht, s. Not. d. scavi
1881, 379 und Taf. VII. Das Haus ist
an einer schönen Thür und an einem
darüber eingelassenen Relief der Drei-
faltigkeit kenntlich. Tritt man ein, so
sieht man sich auf der zu einer Kirche
hinaufführenden Treppe einem mächtigen
dorischen Capitell gegenüber, das mit
dem Säulenschaft, auf dem es ruht, fast
ganz in der Mauer eines kleinen Häus-
chens verbaut ist. Von einer westlich daneben stehenden Sä nie
lst nur ein kleines Stück des Abacus und innen ein unförmliches
chaftstück zu sehen; von der östlichen ragt wenigstens das Ober-
teil, ganz zerhackt, zur Hälfte aus der Mauer heraus, namentlich
das Capitell, dessen Abacus in reizend malerischer Weise jetzt
als blumengeschmückter Balcon dient, s. aufser Abb. 45 die Ab-
bildungen in der Gazette arche'ologique VII 1881 pl. 25 und Aus
dem classischen Süden Taf. 49. Viola hat auch die unteren
Teile bis auf den Stylobat, von dessen Kante sie 0.22 absteht,
untersucht und den unteren Durchmesser der Häule in den
Kanälen zu 1.90 m gemessen, die ganze Höhe zu 8.47 in.

Abb. 45. Von dem Tempel in Tarent.

Abb. 46.

Die niedrigen Trommeln (je 0.45 0.55 hoch) sind in der
seltenen, sonst noch an dem sog. Poseidontempel in Paestum
vorkommenden Anzahl von 24 Canneluren geteilt, deren Grate
allerdings arg abgestofsen sind. Die Canalendigung ist nur

an einem kleinen Rest zu sehen;
danach war sie etwa so wie bei C
in Selinus. Die Kehle ist aber
ringsum in der ganz glatten Flüche
zu bemerken; ihre gröfste Tiefe
liegt in der Fläche der Canaltiefe.
Das Ringband am Echinus hat
zwei sehr tiefe, ungleichschenklige
Einschnitte, die in die Flucht des
Echinus hinein ragen, wie an dem
Apollonion in Syrakus. DieEchinus-
Schulter ist z. T. stark abgear-
beitet, so dass besonders der obere
Rand kantig, die Vorderfläche bei-
nahe vertical geworden ist und
etwa 3—4 cm hinter der Abacus-
fiäche zurückliegt; das kloine Stück der Schulteroberfläche ist
dann wieder in guter ursprünglicher Fläche erhalten. Darüber
liegt der ungeheuer wuchtige Abacus.

Dass man es hier mit den Resten eines mächtigen und
alten Tempels zu thun hat, ist ganz sicher,
nach der Orientierung auch wahrschein-
lich, dass die Säulen der Peristase ange-
hörten. Die Formen des riesigen Kehlen-
capitells und besonders der Einschnitte,
sowie die aufserordentliche Annäherung
der Abakcn (auf 1.02 m), erinnern, wie
schon Viola bemerkt hat, an die Verhält-
nisse des Apollotempcls in Syrakus und
in dessen Zeit und Kunstkreis ist die
Ruine gewiss zu rechnen. Die Anzahl
der 24 Canneluren bedeutet keinen wesent-
lichen Unterschied, ist vielmehr dem in
der früharchaischenEpoche schwankenden
Kunstgefühl, das sonst bald 16, bald 20
Canäle zuliefs, ganz angemessen.

Viola führt auch an, dass man früher
noch mehr Säulenreste dieses Tempels
gesehen haben will, und neuerdings soll an der NO.-Ecke des
Palazzo municipale ein durchaus ähnliches Capitell von einer
anderen Säule gefunden worden sein (Dal Lago a. a. O. II 12).
Es mag auch erwähnt werden, dass eine kleine Säule aus einem
tarentinischen Grabe nach der für alle Einzelheiten allerdin«s
nicht genügenden Abbildung in den Not. d. sav. 1897. 229 in
den Capitellformen ungefähr übereinstimmt.

Der Tempel liegt, die beiden Meere dominierend, innerhalb
des Bezirks der Akropolis des alten Tarent und wird einer
der vornehmsten Gottheiten angehört haben, Viola vermutet
Poseidon.

W*»$------1-------1-------1-------1-------Vo.Yr. p-H

Die Reste des dorischen Tempels in Tarent
Der Grundriss 1 : 150, das Capitell 1 : 15.
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