Koldewey, Robert; Puchstein, Otto
Die griechischen Tempel in Unteritalien und Sicilien: Text — Berlin, 1899

Page: 76
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MEGARA HYBLAEA

Nach Syrakus würde Selinus wogen seiner grofsartigen
Reste altdorischer Architektur die erste Stelle bean-
spruchen. Aber vorher mag übersichtlich zusammen-
gefasst werden, was uns dessen Mutterstadt, das ca. 728 von
Megareern gegründete und schon 482 von Gelon vernichtete
Megara Hyblaea an architektonischen Schöpfungen hinter-
lassen hat.

Wir haben von dieser ebenfalls dorischen Colonie, die nach
482 nur noch ein kümmerliches Dasein führte, erst durch
F. S. Cavallaris und P. Orsis Ausgrabung der Stadtmauer und
der nördlich von der Stadt gelegenen Nekropole ein deutliches
Bild bekommen (s. den Bericht über die Grabungen von 1889
in den Monumenti antichi pubb. per cura d. R. Acc. dei Lincei
1 (589—950, über die von 1892 in den Not. d. scavi 1892; auch
1891 ist gegraben worden; über eine hocharchaische Statue
handelt Orsi im Bull, de cor,: hell. XIX 1895, BOT).

Architekturgeschichtlich interessant und gegenüber den
syrakusanischen Resten neu sind einige Funde aus der Nekropole
von Megara, die sonst im Bereich der dorischen Formensprache
selten auftreten: ein Plattensarkophag, dessen innerer Rand
ähnlich wie bei den klazomenischen Terracottasarkophagen mit
einem schönen archaischen, plastisch ausgemeifselten Kymation
eingefasst ist (im Museum von Syrakus, von Orsi Not. 1892, 125
kurz erwähnt; ein Bruchstück eines anderen ebenso verzierten
Sarkopbages ist Mon. ant. I 818 abgebildet) und ein nicht
minder schönes, vielleicht von einer Grabaedicula herrührendes
Pfeilercapitell aus Kalktuff, das mit seiner strengen, akanthus-
losen Combination von Spiralen und Palmetten, wie sie uns in
etwas altertümlicherem Stile schon an der Bekrönimg aus
Akrae begegnet ist, als unmittelbarer Vorläufer des korin-
thischen Capitells airfgefasst und vielleicht kaum in die Zeit
vor 482 v. Chr. gesetzt werden kann (Mon. ant. I 751. 786.
Taf. II bis).

Aufserdem hat die Nekropole 1879 auch ein dorisches
Capitell einer Grabsäule, mit dem Namen des Verstorbenen,
geliefert {Mon. ant. I 716. 751. 786 f. Taf. IV 2. Kaibel IG Sei
590). Der Abacus ist altertümlich hoch, der Echinus ladet wie
beim Apollonion in Syrakus sehr weit aus, aber eine genauere
Bestimmung des Capitelltypus ist wegen der Zerstörung des
Ringbandes und der Kehle nicht möglich.

Von einem Tempel endlich, der unweit östlich vom West-
thor der Stadt (auf Cavallaris Plan Taf. I bei «) gelegen haben

soll, scheint ein Bruchstück eines gröfseren Capitells herzu-
rühren ; es ist an einer Stelle gefunden worden, wo man Kalk-
tuffquadern aus dem Boden gezogen und zu Neubauten ver-
wendet hat [Mon. I 725. 756). Den Durchmesser des Säulen-
schaftes schätzt Cavallari auf ca. 1 m. Erhalten ist nur ein
Stück des Echinus ohne Abacus und ohne die untere Kante,
aber mit dem flachen, 8 cm breiten und dreimal sehr tief ein-
gekerbten Ringband und mit dem oberen Teil der Kehle. Es
wiederholte gleichfalls ungefähr den Typus vom Apollonion in
Syrakus.

Nach zwei kleinen auf dem Stadtgebiet gefundenen Bruch-
stücken von grofsen Kästen (wie Dörpfeld IV 2. 3) war in
Megara auch die Verkleidung des Geison mit bemalten Terra-
cottaplatten üblich (Mon. I 724. 763), und den Eindruck einer
altertümlich hohen und schmalen Metope macht eine aus dem
Gebiet der Nekropole stammende Reliefplatte aus weifsem Tuff
(Not. 1880, 39. Mon. I 716; von Furtwängler in der Archäol.
Zeitung XL 1882, 325 erwähnt). Sie ist 1.025 hoch, unten 0.615,
oben 0.595 breit und ohne das Relief 0.33 dick. Die Vorder-
seite hat man abgehackt, wodurch oben das Capitellband und
unten der ursprünglich etwa vorhandene Reliefrand zerstört
und die dargestellte Figur ganz abgeschlagen worden ist. Es
war ein nach links gewendeter Krieger in grofsem korinthi-
schen Holm, der kniete und das Schwert zog. Die Platte war
wahrscheinlich mit sehr dünnem Stuck überzogen gewesen.
Für archaische Zeit spricht der Umstand, dass die Figur in
starkem, jedoch kaum unterschnittenem Relief gearbeitet war,
und an architektonische Verwendung der Platte muss man
denken, weil in die untere Fläche eine Seilrinne eingemeifselt
und oben wegen des Capitollbandes ein Scamillus ausge-
arbeitet ist, aber Anathyrose ist an den Stofsfügen nicht zu
bemerken.

Von megarischen Tempeln nennt die Ueberlieferung nur
einen der Hera, der am Gestade lag (Diodor XX 32 vgl. Orsi I
700. 950 und oben S. 56) und an den Cult der Athena läfst
ihre Büste auf einer Kupfermünze aus römischer Zeit denken.
Orsi schliefst aufserdem I 914 aus Terracottafunden auf ein
nahe der Nordmauer der Stadt gelegenes Heiligtum der
Aphrodite-Persephone, und höchst wahrscheinlich ist wegen der
Mutterstadt und wegen des Namens Megara ein Cult der De-
meter und der Persephone anzunehmen (s. unten in der Be-
schreibung'des Megaron der Demeter bei Selinus).
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