Koldewey, Robert; Puchstein, Otto
Die griechischen Tempel in Unteritalien und Sicilien: Text — Berlin, 1899

Page: 56
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DIE TEMPEL VON SYRAKUS

A n Tarent sind die Tempel in den dorischen Colonien auf
/ \ Sicilien anzuschliefsen. Hier beansprucht Syrakus
JL JL nicht nur als eine der ältesten Colonien den ersten
Platz, sondern weil es seinem Alter entsprechend auf der kleinen
Insel Ortygia, innerhalb des ursprünglichen Stadtbezirkes, einen
sehr alten, vielleicht den ältesten Peripteraltempel bewahrt hat,
der zusammen mit dem auf der westlichen Seite des grofsen Hafen-
beckens gelegenen Olympieion zu den bedeutendsten Incunabeln
der dorischen Architektur gehört; dazu stecken in der moder-
nen Kathedrale die Reste eines grofsen Tempels aus der Zeit
der höchsten Blüte des dorischen Stiles und endlich sind die
Ruinen eines hellenistischen Bauwerkes, des kolossalen Brand-
opferaltars, den Hieron IL gebaut hatte, für die Erkenntnis
dieser wichtigen Art sacraler Bauten grundlegend geworden.

Aufser dem Erhaltenen hat die Stadt, die einst die glän-
zendste und mächtigste auf Sicilien war, natürlich eine grofse
Anzahl anderer Heiligtümer besessen. Um von der überaus
reichen Bauthätigkeit, die sie im Altertum für religiöse Zwecke
entfaltet hat, eine Vorstellung zu gewinnen, lohnt es sich wohl
der Mühe, nach den dürftigen Notizen in der antiken Litteratnr
und nach den sehr kargen Zeugnissen von Münzen und In-
schriften eine Liste der ehemaligen Heiligtümer auf dem syra-
kusanischen Boden herzustellen. Das ist jetzt mit Hilfe der
Untersuchungen Ad. Holms (in dem Werke Sav. c Crist. Ca-
vallari e. A. Holm, Topografia archeologica di Siracusa. Palermo
1883) leicht auszuführen. AVir haben hauptsächlich die deutsehe
Bearbeitung davon (B. Lupus, Die Stadt Syrakus im Alterthnm,
Strafsburg 1887) benutzt und danach citiert; hierin wird S. 2
bis 14 auch eine Uebersicht über die älteren Bearbeitungen
der syrakusanisehen Denkmäler gegeben, worauf wir ein für
alle Mal hinweisen wollen.

Die Heiligtümer in topographischer Ordnung.

Unter den Heiligtümern behaupten die auf der Insel Ortygia
aus historischen und topographischen Gründen den ersten Platz.
Cicero bezeugt (Verr. IV 53, 118), dass sie mehrere Tempel habe,
dass davon aber der Artemis- und der Athenatempel die her-
vorragendsten seien. Man giebt darnach in der Regel den oben
genannten ältesten Tempel der Artemis und den in der Kathe-
drale steckenden der Athena. Dass aber der Artemistempel
mit der Arethusa zusammengehangen hat und vollständig
verschwunden und dass der älteste Tempel ein Apollonion ge-
wesen ist, habe ich in der Pestschrift für H. Kiepert (Beiträge
zur alten Geschichte und Geographie, Berlin 1898) S. 199
bis 206 auseinandergesetzt; dort sind auch die wichtigsten
Nachrichten über die Heiligtümer und den Cult der Artemis,

der Arethusa, der Athena, des Apollo und der Olympia an-
geführt worden. *)

Auf Ortygia befand sich nach der wahrscheinlichen Lesung
der von der Piazza di Montedoro stammenden Inschrift C / L
X 7121 auch ein Tempel der Venus Herycina (vom Ervx), der in
der Zeit vor Augustus von einem Privatmann restauriert worden
ist und vielleicht zu den aedes sacrae complures Ciceros gehörte.
Von Privaten schon unter dem älteren Dionysios gestiftet war
auch das Heiligtum der sonderbaren Aphrodite Kallipygos oder
KaUiylovToc (Athen. XII p. 554 e, Nikandr. fr. 23, vergl. Heyde-
mann im Archäolog. Jahrbuch II 1887, 125), dessen Lage un-
bekannt ist, aber aufserhalb der Stadt vermutet werden könnte.
Sonst hiefs die Göttin in Syrakus BcumriQ (von dem Orte Baia
bei Syrakus? Holm III 302. 319 und dazu 506. 510) oder Eldmä
(Hesych.) und diese Namen lassen auf einen ehrbareren Cult
schliefsen. Ihren Kopf vermutet man einmal auf einer Münze
(Holm III 659 n. 323); die schöne Statue der badenden Aphro-
dite, die aus einem in Achradina nahe bei den Katacomben von
S. Giovanni gelegenen Garten stammt (Eriederichs-Wolters, Die
Gipsabgüsse antiker Bildw. Nr. 1469), hat wohl nur decorativen
Zwecken gedient.

Ohne eine sacrale Unterlage, rein dichterisch, könnte die
Bezeichnung der Stadt als ßaövnoXfyov r^fvog "Aqsoq von Pindar
Pyth. II 1 gewählt worden sein.

In dem Stadtteil ACHRADINA, der gegenüber von Ortygia
auf Sicilien lag, ist die Agora der Mittelpunkt der städtischen
Heiligtümer gewesen. Hier standen zunächst die Altäre, auf
die sich der Siculer Duketios als Ixhrjc rtje nöleux; gesetzt hatte
(Diodor XI 92) und zu denen gewiss die ara Concordiae (der
Homonoia) gehörte, die ihren Platz vor dem Buleuterion hatte
und als Rednerbühne benutzt wurde (Liv. XXIV 22), während
die in dein Schwur IGSel 7 genannte Hestia ihren Herd
gewiss in dem Prytancion hatte, das Cicero Verr. IV 57, 125
rühmt und das einst die Sappho des Silanion barg. |HciPlinius
n. h. XXXIV 13, den man bisweilen für Syrakus citiert, ist
wohl nur von dem syr. Erz die Rede, mit dem der Vesta-

'*) Nachzutragen ist zu S. 200, dass Orsi den Tempel der sicilischen Hera bei
Megara vermutet (Monumenti dei Lincei I 950) und zu S. 205, dass Hohn Gesch.
Siciliens IIT 510 den Beinamen äaifvitag von einem Bade bei Syrakus Namens Daphne
ableitet (zu der Identiticierung von Daphne mit der Anlage im Fondo Buf'ardeci s.
unsere Bemerkung im Texte S. 58 r.) und dass der Apollo Temenites nach Hirschfeld
Rom. Verwaltungsgeschiehte 187, 5 in der Bibliothek des Augustustempels in Rom
aufgestellt worden war. -- Abgesehen von den Münzen wird der Athenacult nur
durch die lateinische Weihinschrit't eines Candolabers, der in Achradina gefunden
worden ist {CIL X 7120), authentisch bezeugt. Dass das auf den Münzen über dem
Viergespann erscheinende Figürchen auch einen Cult der Nike, Athenas Begleiterin,
beweise, kann man kaum behaupten; an eine Darstellung der Nike denken einige auch
bei dem Kopfe auf den sog. Damareteia (Holm III 570 n. 15).
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