Koldewey, Robert ; Puchstein, Otto
Die griechischen Tempel in Unteritalien und Sicilien: Text — Berlin, 1899

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DER IONISCHE TEMPEL IN LOCRI

TAFEL 1

D

er in den altgriechischen Colonien des Westens, mögen
sie dorisch oder achäisch oder chalkidisch gewesen
sein, heimische Baustil ist der dorische. Tonische
Zierformen haben sie in alter Zeit zu monumentalen Zwecken
im äufseren scheinbar niemals verwendet. Eine Ausnahme
von dieser Regel hat wenigstens im 5. Jahrhundert v. Chr.
mir das Epizephyrische Locri (bei Gerace Marina) gemacht, das
auch sonst als eine Colonio ans Mittelgriechenland unter den
Italioten und Sikelioten gesondert dasteht. Da wir seit einigen
Jahren seinen schönen, grofson Tempel ionischen Stils genauer
kennen und dies bisher im Westen der einzige seiner Art ist,
mag er die Reihe der unteritalischon und sicilischen Heiligtümer
eröffnen und denen in dorischem Stile vorangestellt werden.

Man war noch in allerneuester Zeit daran gewesen, die
geringen Reste des Tempels abzubrechen und in den Kalkofen
wandern zu lassen, bis sie 1879 dank einer Anzeige von
Fr. Lenormant vor gänzlicher Vernichtung bewahrt blieben.
Neu entdeckt wurden sie 1889 von E. Petersen und von diesem
Avegen des wichtigen TJmstandes, dass es sich um ein Beispiel
des sonst in Italien unerhörten altionischen Stiles handelte, zur
Ausgrabung empfohlen. Die italienische Regierung traf eine
sehr glückliche Wahl, indem sie P. Orsi damit beauftragte, die
Ausgrabung vorzunehmen (November 1889 bis Januar 1890):
Petersen durfte dabei assistieren und zur Aufnahme eines Planes
der Ruine Dörpfeld einladen. Dörpfelds Plan ist mit einer
kurzen Erläuterung von Petersen in den Antiken Denkmälern
I Taf. 51 erschienen, nachdem Petersen die Tempelruine in
den Rom. Mittheil. V 1890, 161—227, Taf. VIII (s. auch die
Sitzungsprotokolle ebenda IV 1889, 342. 340) ausführlich be-
schrieben und untersucht hatte. Orsis kürzerer Bericht steht
in den Notizie degli seavi 1890, 248—202; eine ausführlichere,
mit Plänen und Zeichnungen sämtlicher architektonischer
Einzelheiten von E. Stefani illustrierte Darstellung dos Tempels
hat er damals für die Monutnenii d. Accademia dei Lincei in
Aussicht gestellt, Wir haben die Ruine nach einem ersten
flüchtigen Besuch zum zweiten Male im November 1893 studiert,
natürlich ohne die Vortheile, die die Kntdecker selbst bei der
Arbeit hatten, aber doch zu einer Zeit, als das Ausgrabungs-
feld wenigstens zum gröfsten Teile noch in gutem Zustande
war; kurz vorher hatten wir im Museum von Neapel die beiden
grofsen bei dem Tempel gefundenen Gruppen (Ant. Denkm.
1 Taf. 52) und einige der kleineren Fundstücke zu sehen be-
kommen, die noch nicht alle öffentlich ausgestellt und nicht
alle unter anderen Sachen kenntlich gemacht waren. Zu einer
neuen Aufnahme und Beschreibung des Tempels und seiner

vei'schiedcnen Umbauten entschlossen wir uns. weil unsere Auf-
fassung der erhaltenen und der zerstörten 'Feile in einigen wesent-
liehen Stücken von der Petersens, Dörpfelds und Orsis ab-
weicht, doch werden wir nur auf die hauptsächlichsten dieser Ab-
weichungen ausdrücklich hinweisen und dabei häufiger Petersen
als Orsi nennen, da beide im wesentlichen übei'einstimmen.

Der Tempel lag in der XO-Ecke des antiken Stadtgebiets
(ein Plänchen bei Petersen 162), angeblich wenige Schritte von
der X- wie von der O-Mauer und heutzutage kaum l/a km vom
Meeresstrande entfernt. Die Lage hat trotz der Stadtmauer zu
der Frage berechtigt, ob es der berühmte, aufsorhalb der Stadt-
gelegene Persepliouetompol gewesen sei. von dem bei Livius
häutiger die Bede ist und auf den einige archaische von uns
noch bei der Beschreibung des seh nuntischen Megaron der
Demeter zu erwähnende Reliefs ans Locri bezogen werden
müssen. Petersen hält das unter Berücksichtigung des Um-
Standes, dass das Stadtgebiet von Locri erst im Laufe der Zeit
die ungeheure, an den Mauerresten noch kenntliche Ausdeh-
nung erfahren habe, für möglich (S. 167 und 219 ff.). Orsi aber
(S. 262) für ausgeschlossen, da die Erbauung der Mauer vor die
Zeit, aus der unsere Nachrichten über den Persephonetempel
stammen, fallen müsste und da andererseits ein grofses, dicht
bei dem Tempel, nordöstlich, aber aufserhalb des nördlichen
Mauerschenkels gefundenes Terracottendepot (es wird wohl der
Schutt von dem grofsen Brandopferaltar des Tempels sein. s.
Arch. Jahrb. XI 1896, 73 Anm.) keine sichere Figur der Per-
sephone (aber der Aphrodite) enthalte: pubheiert ist dieser Fund
bisher noch nicht. Inwiefern unsere eigenen Beobachtungen
an dem Tempel zu Petersens Gunsten gedeutet werden könnten,
wird S. 4 1. und S. 7 r. gesagt werden.

Die Ruine umfasst 2 Tempel, einen älteren und einen
jüngeren, dessen Bau die Reste des älteren durchschnitten und
gröfstenteils zerstört hat. Der ältere Bau, eine zweischiffige
Cella, wahrscheinlich mit geschlossenem Pronaos im Osten und
einem Adyton im Westen, ist später in einen an dem erhaltenen
Stufenfundament kenntlichen Peripteros umgebaut worden, wobei
das Advton der Cella cassiert und der Pronaos mit einer Front
in aniis versehen wurde. Der neue Tempel, ein Ersatz für den
alten, war ein ionischer Peripteros von 7 Säulen in der Front
und 17 an den Seiten, mit Langer Cella, die einen Opisthodom
in antis und gewiss einen eben solchen Pronaos hatte. Dem
gegenüber betrachtet Petersen an dem alten Tempel die Anton-
front als ursprünglich, die Cella als einschiffig und die Säulen-
stellung der Ringhalle im Westen und Osten als doppelt.
während Dörpfeld an der Cella mit der ursprünglichen Anten-
front eine erste Erweiterung durch eine westliche Vorhalle
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