Koldewey, Robert; Puchstein, Otto
Die griechischen Tempel in Unteritalien und Sicilien: Text — Berlin, 1899

Page: 51
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DER TEMPEL VON HIMERA AUF SICILIEN

Abb. 43. Die Sima des Tempels bei Himera
z. T. nach einer Photographie.

Um die wenigem chalkidischen Colonien des Westens,
von denen uns sacrale Bauten erhalten sind, nicht
gänzlich von einander zu trennen, fügen wir schon
hier die Beschreibung des Tempels
von Himera auf Sicilien ein, obwohl
wir bei dieser Stadt, was ihre po-
litische Geschichte und deren Ein-
fluss auf die Architektin' betrifft, in
Zusammenhänge und Verhältnisse
geraten, wonach sie besser an die
Untersuchung der Bauten in den
bedeutenderen dorischen Colonien
Siciliens angeknüpft würde; auch
gehört der Tempel einer Zeit an,
m der etwaige Sonderrichtungen
des dorischen Stiles überall fast
gänzlich verlassen waren. Den
späten Antentempel von Tauro-

menion, einer Stadt, deren chalkidischer Ursprung zweifelhaft
ist, haben wir unten zu den ähnlichen Tempeln von Akragas
gestellt.

Himera war eine Colonie
des chalkidischen Zankle, die
durch flüchtige Syrakusaner, d.
h. Dörfer, Verstärkung erfahren
hatte und daher einen chal-
kidisch-dorischen Mischdialekt
sprach. Wie Seimus an der Süd-
küste Siciliens, so war Himera
an der Nordküste am weitesten
gen Westen vorgeschoben und

unmittelbar dem von Phönikiern und Elymern besetzten Gebiet
der Insel benachbart. Es teilte auch im Jahre 409 v. Chr. das
Schicksal von Selinus: zur Rache für die Niederlage und für
den Tod, den sein Grofsvater Hamilkar 480 v. Chr. vor den
Mauem von Himera gefunden hatte, wurde es von Hannibal
vollständig zerstört und seine Heiligtümer, die man 480 mit
karthagischen Trophäen geschmückt hatte, in Brand gesteckt
(Diodor XI 25. XIII 62). An seine Stelle traten für alle Folge-
zeit die im westlichen Teile ihres Gebiets gelegenen warmen
äder, die Thermae Himeraeae [Termini Itnerese; vergl. die In-
schrift Kaibel IGSeJ 315).

Die chalkidische Stadt hat uns von ihren Heiligtümern nur
einen dorischen Tempel hinterlassen, und zwar wiederum einen.
der aufserhalb der Mauern auf freiem Felde lag, in der schmalen l

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Abb. 44. Grundriss der Ruine des Tempels bei Himera.

Strandebene, die sich nördlich am Fufs der heut mit Su-
mach bewachsenen Hügel, worauf die Stadt seihst gegründet
war, erstreckt, dicht am westlichen Ufer des Flusses Himeras

(vgl. die Karten bei Holm T Taf 0
und bei Freeman II 161). Er ist
grösstenteils von einem modernen
unweit der Eisenbahnstation Bon-
fornello befindlichen Gehöft überbaut
s und dabei' erst 1823 von Palmeri

entdeckt worden. Eine Ausgrabung
oder Aufräumung ist nur der Nord-
ostecke des Tempels zu teil ge-
worden, im Jahre 18G2 durch Meli,
wobei man mehrere Stücke einer
schönen Sima fand (s. die kurzen
bei Syrakus genauer eitierten Be-
richte von Di Giovanni S. 11 und
von Cavallari S. 6, aufserdem Ca-
vallaris ebenso kurze1 Besprechung des Tempels im Ball. sie. II
1804. 5).

Von dem Tempel stehen
östlich von einem Kuhstall des
Gehöftes 4 Tuff-Säulen der NO.-
Ecke der Peristase. Die Eck-
säule fehlt, von der zweiten im
Norden stehen noch 2 Trommeln
übereinander, deren untere 1.35,
die zweite L.36 misst. Die Säulen
haben 20 Caimeluren und oben
das 16 cm grofse cubische Em-
polienlager.

Von dem zweisteinigen Sty-
lobat ist noch gerade so viel zu sehen, dass man die Plinthen
messen kann, von denen die unter den Säulen um ein Paar
Centimeter gröfser (2.16, 2.12) zu sein scheinen als die
Lntercolumnienplinthen (2.10. 2.08). Die Säulen stehen hier
mit einem Axenabstand von 4.20 und 4.26; das Eckjoch der
Ostseite beträgt dagegen nur 3.92 cm und das der Nord-
seite wahrscheinlich ebensoviel, wenn die Entfernung auch
nicht direct gemessen werden konnte. Die Eckjoche waren
demnach um ca. 30 cm kleiner als die gewöhnlichen (rd. 4.23).
Zwei oder drei ebenfalls der nördlichen Säulenreihe angehörige
stark übertünchte Schäfte sind noch innerhalb des angrenzenden
Kuhstalles zu sehen, und jedenfalls würde, wenn man den
Stall beseitigte, der Tempelgrundriss sehr gut heraus-
kommen.
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