Koldewey, Robert; Puchstein, Otto
Die griechischen Tempel in Unteritalien und Sicilien: Text — Berlin, 1899

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DIE TEMPEL VON PAESTUM

Der vom Norden kommende Altertumsfreund erhält zuerst
| in Poseidonia, oder, wie wir gewöhnt sind, es mit seinem
luoanisch-römischen Namen zii nennen, in Paestum eine
unmittelbare und ganze Anschauung von dorischer Tempelarchi-
tektur, und bei der verhältnismäfsig guten Erhaltung der Bauten
kann der Eindruck davon nirgends sonst auf west- oder ostgriechi-
schem Boden so mächtig und nachhaltig sein. In Paestum
stehen neben einem herrlichen Beispiel der abgeklärten und
formenstrengen Baukunst des 5. Jahrhunderts v. Chr. zwei alter-
tümliche Tempel mit vielen für die Mannigfaltigkeit und Un-
gebundenheit des dorischen Stiles im G. Jahrhundert charakte-
ristischen Besonderheiten, und darum ist es für den Besucher
ausnehmend geeignet, ihn über einige bedeutende Erscheinungen
in der Entwicklung der dorischen Architektur aufzuklären und
ihn in deren Geschichte einziiführen.

Um für dieBeurteilungderarchaischenBauten denrichtigen
Standpunkt zu finden, muss man sich vergegenwärtigen, dass
Poseidonia eine achaeische Colonie war, von den Sybariten ge-
gründet, die sich so bis über das Gebirge an die Westküste
Italiens ausgedehnt hatten und in die Nähe des chalkidischen
Kyme und seiner Tochtercolonien gelangt waren.

Architektonische Anknüpfung von Poseidonia an seine
Mutterstadt ist freilich bisher kaum möglich. Wo man neuer-
dings Sybaris gesucht hat, sind einerseits altitalische, anderer-
seits spätgriechische Gräber gefunden worden und die bei Torre
del Michelicchio zu tage gekommenen Reste von polychromen
Terracottaornamenten eines sacralen Gebäudes {Notizie degli
seavi 1879, 50. 248; 1888, 289) sind m. W. noch nicht publiciert.
Auch das Schatzhaus der Sybariten in Olympia, das, wenn es
gut erhalten wäre, für die Baugeschichte des Westens höchst
wertvoll sein würde, hat uns von seinem Oberbau gar nichts
bewahrt (Dörpfeld, Olympia II, Die Baudenkmäler 47), es sei denn,
dass man ohne Untersuchung an Ort und Stelle und im Gegen-
satz zu den sach- und localkundigen Bearbeiter» der Funde
von Olympia die Vermutung aussprechen dürfte, das Capitell,
das dem syrakusanischen Schatzhause zugewiesen worden ist
(a. a. O. Tafi XXXIV), gehöre zu dem sybaritischen; denn
seine Formen sind für Syrakus wie überhaupt für eine dorische
Colonie aufSicilien oder in Unteritalien ungewöhnlich und auf-
fällig, weisen aber auf Paestum, eine achaeische Colonie, hin
und würden als sybaritisch verständlich sein.

Das wenige, was von der politischen Geschichte der achaei-
schen Colonie bekannt ist (vgl. die kurze Uebcrsicht bei Kai bei
JGSrJ p. .179 und für die römische Zeit namentlich Monunsen
im CIL X p. 52, ferner etwa auch v. Dulm bei [Nöhring], Aus
dem klassischen Süden, Lübeck 189G, 14 und Ed. Meyers Be-

merkung in der Geschichte d. Alt. II 78), bietet kaum einen
Anhalt, die Bauten genauer zu datieren, als es nach ihren
stilistischen Eigentümlichkeiten geschehen muss. Ein Haupt-
zeugnis für die Blüte der Colonie in älterer Zeit sind aufser
den Münzen gerade die beiden archaischen Tempel und bei
diesen ist schon deswegen kaum mehr als eine relative Datierung
möglich, weil sie eine eigene, wahrscheinlich nicht rein locale,
sondern nationale (achaeische) Richtung des dorischen Stiles
vertrete]]. Wir werden im einzelnen zeigen, wie sie in der
Plandisposition merkwürdig durchgebildet und gebunden sind,
mehr als es bei den ai'chaischen Bauten der dorischen Colonien
der Fall ist. und wie sie in den Zierformen einen besonderen,
höchst eigentümlichen Stil offenbaren, indem sie einen Capitell-
typus aufweisen, bei dem wir uns nicht einig sind, ob er auf
uralten, besonders zäh festgehaltenen, aber in ein modernes
Gewand gekleideten Formen oder auf einer Wucherung des in
den dorischen Colonien üblichen Typus beruhe, indem sie ferner
wie unter ionischem Einflüsse früher und reichlicher, als es ander-
wärts in dorischem Bereiche geschah, von Kvmatien und auch
von ionischen Säulenformen Gebrauch machen, und indem sie
endlich ein Gesims von ganz singulärer Gestalt und Anord-
nung ausgebildet haben.

Auch für die Mitte des 5. Jahrhunderts etwa muss ein
Tempel, der dritte, gröfste von allen, als wesentliches Zeugnis
für die Geschichte von Paestum genügen; er zeigt, wie fast
überall in der dorischen Architektur zu sehen ist, dass um diese
Zeit ein einziger, allgemeingültiger und sich einheitlieh ent-
wickelnder Stil herrschte, der jeweils nur ganz geringe An-
klänge an die alten Sonderformen bewahrt hat. Erst später,
als der grofse Tempel schon gebaut worden war, fällt die Ein-
nahme der griechischen Stadt durch die Lucaner (Strabo V
p. 251), und dass infolge dessen die Bevölkerung barbarisiert
worden ist, erfahren wir bekanntlich für das Ende des 4. Jahr-
hunderts durch eine Notiz von Aristoxenos (bei Athenaios XIV
p. 632 a). Schon 278 v. Chr. ist dann Paestum in die Gewalt
der Römer gekommen und eine latinische Colonie geworden,
die sich vorteilhaft entwickelt hat. Eine architektonisch wichtige
Leistung dieser Phase der Stadt ist ein korinthischer, leider
ganz verfallener und noch andauernd dem Untergang preisge-
gebener Tempel. Die Culte von Paestum liefsen sich, abge-
sehen von dem Namen der Colonie und von der Widmung an
Athena (bei Kaibel 6G4) nur etwa aus den Münzen erschliefsen,
für die Benennungen der Tempel freilich ohne Erfolg. Be-
standen hat die Stadt trotz der schon von Strabo bezeugten
Versumpfung und ungesunden Luft bis zur Zerstörung durch
die Saracencn im Jahre 871. Sie geniefst noch heute bei
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