Koldewey, Robert; Puchstein, Otto
Die griechischen Tempel in Unteritalien und Sicilien: Text — Berlin, 1899

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DIE TEMPEL VON PAESTUM

manchen den Ruf einer abgelegenen, höchst fiebergefährlichen
und wegen der Banditen unzugänglichen Stätte. Das trifft
jedoch nicht mehr vollkommen zu. Es ist eine Eisenbahn-
station geworden, und die Besitzer des Grund und Bodens
wohnen nicht mehr alle in Capaccio, sondern es ist bereits
wieder eine doppelte Häuserreihe an der Nordmauer der antiken
Stadt erwachsen, das Stadtgebiet selbst wird regelmäfsig be-
ackert und in der ganzen Umgebung bessert sich infolge um-
fangreicher Entwässerungen und Ameliorationen das Klima und
der Anbau von Jahr zu Jahr.

Das kommt hoffentlich auch einmal unserer Kenntnis der
berühmten Bauten zu gute. Im wesentlichen ja aufrecht stehend.
haben sie keine eigentlichen Ausgrabungen erfordert; sie sind
seit dem Anfang dieses Jahrhunderts von dem Schutt gesäubert
und ausgebessert worden, so 1805 (s. M. Ruggiero, Scavi di
antichitä nelle provincie di terraferma de//' an/ico regno di Napoli
dal 1743—18j6. Napoli 1888, 459), und 1828 hat man das
Tempelterrain durch einen Graben ringsum von den Feldern
gesondert (ebenda 465). Kein Zweifel, dass genauere Unter-
suchungen des Bodens in der nächsten Umgebung des alten
neunsäuligen Tempels und des archaischen Hexastylos sowie
namentlich auch des korinthischen Tempels noch manches wert-
volle und wichtige Stück zu tage fördern würden.

Aufmerksamkeit erregt und Veröffentlichung erfahren haben
die Tempel von Paestum erst seit der Mitte des vorigen Jahr-
hunderts. Man kennt, was Winckelmann namentlich im Vor-
bericht zu den Anmerkungen über die Baukunst der Alten
darüber gesagt hat (vgl. Justi - II 210). Wir sind nicht mit
allen Püblicationen vortraut und auch nicht in der Lage ge-
wesen, die, die uns zugänglich waren, hinreichend lange und
gründlich einzusehen. Es scheint uns übrigens nicht beweisbar zu
sein, dass irgend ein älteres Werk die Ruinen in besserer
Erhaltung darböte, als man sie heute sieht, noch dass wirklich
seither wichtige und wesentliche Details verloren gegangen

seien. Man könnte .das zwar in einigen Fällen wie bei dem
Fries und dem Geison des altertümlichen Hexastylos glauben,
aber allem Anscheine nach handelt es sich immer nur um Un-
genauigkeiten und Interpolationen.

Die älteren Püblicationen hat der Architekt Delagardette
{Les ruines de Paestum 011 Posidonia. Paris an VII [1799] S. 1)
aufgezählt, der 1793 auf Kosten von Georges Wallis an Ort
und Stelle gearbeitet hatte, zum ersten Male wenigstens unge-
fähr sachgemäfs. Aus seiner Liste sind hervorzuheben der
Stecher T.Major, Les ruines de Paestum ou de Posidonie dans la
Grande Grece, tradtiii de l'Anglais, Londres i~68 (deutsch von
Baumgärtner, WIrzburg 1781), d. s. Ansichten und einige Pläne
und Aufnahmen, die von Engländern gesammelt oder veran-
lasst worden waren (über sein Verhältnis zu älteren Veröffent-
lichungen und zu den Aufnahmen des berühmten Architekten
Soufflot — angeblich von Durant 1764 herausgegeben — s. Dela-
gardette S. 4 Anm.); ferner P. A. Paoli, Paestanae dissertationes,
Rom 1784, nach den Aufnahmen und Vorarbeiten des bei
Winckelmann erwähnten Conte Feiice Gazola.

Besser als diese drei ist das spät erschienene, aber schon
vorher von einigen benutzte und citierte Werk Les temples de
Paestum, Restauration executee en /83p par Henri Labrouste (in
den Restaurations des monuments antiques par les architectes pen-
sionnaires de l'acad. de France ä Rome. Paris 1877 [1884]), der
seine Studien an Ort und Stelle 1826 und 1828 gemacht hatte;
seine Zeichnungen sind allerdings nicht so sorgfältig und zu-
verlässig, wie man erwarten sollte, in vielen Dingen wird man
durch ihn arg getäuscht. Aufnahmen und eine Beschreibung
der Tempel, von Finati, enthält auch das Museo Borbonico XV
Taf. 7—14, wo angegeben wird, dass die Brüche für den
Travertin, mit dem man in Paestum gebaut hat, nach Vallo
zu IV2 Miglien entfernt liegen. Photographien der drei dorischen
Tempel sind vielfach zu haben, in Lichtdruck bei Nöhring a. a. 0.
Taf. 38—44.

Abb. 7. Der sog. Poseidontempel und die sog. Basilica in Paestum

von Westen her.
Links das Custodenhaus, zwischen den beiden Tempeln zwei Türme der Stadtmauer.
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