Koldewey, Robert ; Puchstein, Otto
Die griechischen Tempel in Unteritalien und Sicilien: Text — Berlin, 1899

Seite: 13
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Der altertümliche Enneastylos (die sog. Basilica) und sein Altar.

TAFEL 2.

Von den beiden altachaeischen, ihrer ganzen Bauweise nach
eng zusammengehörigen und innerhalb der dorischen Archi-
tektur oino auffallige Sonderstellung einnehmenden Tempeln in
Paestum ist die sog. Basilica zweifellos am ältesten; es ist der
südlichste von den vier noch erhaltenen, die sämtlich, wie es
scheint, an dem Cardo, der grofsen nordsüdlichen Hauptstrafse
der griechischen Colonie, und zwar östlich davon gelegen haben.
Dass es trotz eines Grundrisses, der den früheren Beobachtern
singulär vorkommen musste, ein Tempel ist, lehrt schon der
Altar (s. Abb. 15 auf S. 17), der sich vor seiner Ostfront in
einem Abstände von 9.10 m befindet: ein schmales Oblongum
von 21.5 m Länge und 6.26 m Breite, d. i. ein Verhältnis, das
bei den grofsen Brandopferaltären im griechischen Westen die
Regel ist. Leider ist das ganze Altarbauwerk mit Gestrüpp be-
wachsen und verschüttet und bedarf dringend einer gründlichen
Aufräumung. Bei dem jetzigen verwahrlosten Zustande sind
an der Ruine nur 4 Süden nach dem Tempel zu, sonst einzelne
grofse Quadern sichtbar.

Der Tempel selbst, der bisher immer nur ungenügend und
in starker Verzerrung publiciert war, ist ein grofser altertüm-
licher Peripteros von 9:18 Säulen, mit einer zwei schiffigen
Cella, die einen Pronaos in antis und hinten einen in seiner
ursprünglichen Gestalt nicht mehr sicher erkennbaren, aber
wahrscheinlich als Adyton zu reconstruierenden Raum hat.
Den verkehrten Namen Basilica hat der Tempel im vorigen
Jahrhundert erhalten und trotzdem, dass schon Major da-
gegen opponiert hatte, ist er populär geblieben, da Delagar-
detto infolge grober Ungenauigkeiten seiner Aufnahme - - er
hatte die Cellalängsmauem nicht wahrgenommen — wieder
dafür eingetreten war und endlich Labrouste, der die Cella-
rückwand nicht erkannte und deshalb den Bau für eine Halle
ansah, deren Wände als Album gedient hätten, der falschen Be-
nennung eigentlich nicht zu widersprechen vermochte. Da die
Gottheit, der der Tempel geweiht war, nicht zu ermitteln ist,
wird man sich begnügen müssen, das Verkehrte möglichst zu
vermeiden und ihn nach seiner Altertümlichkeit und nach seiner
Frontbildung zu bezeichnen.

Der Stylobat besteht aus sehr ungleich langen und ganz
unabhängig von der Säulen Stellung verlegten Blöcken; seine
Innenkante bildet keine grade Linie, sondern die Blöcke stehen
hier vielfach ungleich vor, so dass der Fufsboden des Pteron
wahrscheinlich kein Quaderpflaster, sondern Estrich gewesen sein
wird. An den Ecken greifen die Stylobate der Langseiten
durch die Fronten glatt durch und sind hier verklammert, an
der Nordwest-Ecke durch ein Paar gewöhnliche Schwalben-
schwänze, an den übrigen 3 Ecken aber durch eine reichere
singulare Art, die auf S. 15 in Abbildung 11 . unten a, darge-
stellt ist. Curvatur ist nicht zu bemerken.

Ebenso ungleich und unabhängig, wie die Stylobate, sind
auch die Blöcke der beiden gleichschenklig profilirten Stufen-
schichten, deren Höhe der des Stylobates gleichkommt. Die
Oberstufe enthält zwei Quaderreihen, davon greift die äufsere
an den Fronten auf die Langseiten über, also umgekehrt wie
die Stylobate, mit deren Eckblöcken jedoch die Quadern der
Unterstufe in ihrer Richtung übereinstimmen.

Das Fundament ragt kaum vor der Unterstufe hervor, ob
aber die jetzige Terrainhöhe ringsum der ursprünglichen ent-
spricht, ist nicht zu ersehen.

An den Säulen ist eine principielle Verschiedenheit in den
Durchmessern nirgends zu bemerken, aber die Einteilung für
die 20 Canäle ist nicht immer sorgfältig, ihre Breiten differieren
hier und da um einen halben oder einen ganzen Centimeter. und
das erschwert vielfach die Bestimmung des Durchmessers; wo
man ihn direkt bestimmen kann, erhält man 1.46 m. Auch stehen
die Säulen häufig nicht sehr genau mit einem Canal nach vorn,
bei der Säule W. 2 v. S. fallt last der Grat auf die Front. Jeden-
falls sind die .Jochweiten an den Fronten kleiner (2.85) als an
den Langseiten (3.10), je unter sich aber überall gleich, wenn
auch nicht so genau versetzt, dass Differenzen bis zu 6 Centi-
meter vermieden worden wären.

Die Entfernung der ('ellafront von der Peristase, in den
Säulenaxen gemessen, beträgt 6.22, d. i. ebenso viel wie die
beiden entsprechenden Längsjoche, auch die Entfernung der
Cellawcstmauer von der Peristase, von Mitte zu Mitte G.19 m.
gleicht den beiden westlichen Längsjochen im Süden (0.20) und
endlich entspricht die liebte Weite der Cella (11.44) genau den
4 Frontjochen (11.47).

Für die Gesamterscheinung der Säule is. Abb. 12 auf S. IG
und Abb. 14 auf S. 17) ist mafsgebend, dass sie einen stark
verjüngten und stark geschwellten Schaft bat, der ein Capitell
von sehr bauchigem, an der Kehle tief unterschnittenem Echinus
trägt (s. die Abbildungen auf S. 14 und 15). Der Schaft setzt
sich dabei aus zahlreichen ungleich hohen Trommeln zusammen
und sein letztes Stück ist mit dem Capitell aus einem Block ge-
arbeitet. Merkwürdiger Weise hat man bei einigen Capitellen für
den Abacus einen besonderen Block aus dem gewöhnlichen harten
Kalkstein genommen und den Echinus samt der Kehle und
dem Schaftansatz aus einem anderen Block von weichem Sand-
stein gearbeitet; dasselbe Material werden wir auch sonst bei
reicher profilirten Gliedern der beiden altertümlichen Tempel
von Paestum antreffen. Solcher Art ist das SO.-Capitell. dann
die Capitelle der 3 Pronaossäulen und der beiden ersten innerhalb
dvv Cella. Der weiche Sandstein bat überall durch Verwitterung
in viel höherem Grade gelitten als der harte Travertin.

Betrachten wir die Formen der Säule im einzelnen, so bat
sie 20 flach elliptische Canäle, die oben halbrund schliefsen, so
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