Koldewey, Robert ; Puchstein, Otto
Die griechischen Tempel in Unteritalien und Sicilien: Text — Berlin, 1899

Seite: 82
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Das Megaron der Demeter bei Selinus.

TAFEL 11.

Zu den lehrreichsten Entdeckungen, die in den letzten
Jahren auf dem Boden von Selinus gemacht worden sind, ge-
hört der heilige Bezirk mit einem Propylon, einem grofsen
Brandopferaltar und einem Tempel in der Gäggera genannten
(regend. Diese liegt weit aufserhalb der alten Stadt, westlich
jenseits des Flüsschens Selinus (Maddiuni), etwa 800 m in Luft-
linie von der Stadt und ca. 5—600 m vom Meeresstrande ent-
fernt, bei dem Gehöft eines Herrn Messana, das bei einer
Quelle, • der sog. fontana della
Gaggera, erbaut ist. Hier dehnen
sich heutzutage westlich von der
fruchtbaren, z. T. allerdings auch
sumpfigen Flussniederimg öde
Sandhügel von mäfsiger Höhe
aus. Man hat darin etwa 17s km
westlich von Gaggera und etwas
mehr landeinwärts in der Gegend
Manicalunga im Frühjahr 1872 eine
grofse altgriechische Nekropole
entdeckt, die sich nach Cavallaris
Untersuchungen bis an die Fluss-
niederung erstreckt hat, so dass

das Heiligtum liier am Anfang

der Nekropole lag. Gräber mir
rotfigurigen Vasen hat Cavallari

aufserhalb des oben genannten Gehöftes gefunden und süd-
lich davon nach dem Heiligtum zu ist er am Fufs der Sand-
hügel Schritt für Schritt auf Gräber mit ,,gewöhnlichen
Vasen und eisernen Ackerbaugeräten" gestofsen. Ans der Um-
gebung des Heiligtums stammt auch die einfache noch guter
Zeit angehörige Grabstele mit der Inschrift ^AqiOToSafioc ^qichoc
(Kaibel 271 a = Not. 1886, 338).

Von dem Heiligtum selbst wurde durch Cavallari im März
1874 das Propylon entdeckt und ausgegraben (s. Bull. sie. VIT
1874, 1 14, tav. I—V).

Cavallari hielt das Propylon für einen Tempel und zwar
nach einigen später zu erwähnenden Funden für einen Tempel
der chthonischen Gottheiten, während es von G. Patricolo so-
fort richtig als Thorbau erkannt wurde. Eine Bestätigung hat
dann Patricolos Ansicht erfahren, als er selbst im Jahre 1888
den Bau von dem hier stets in Bewegung befindlichen Dänen-
sande reinigte und die an das Propylon stofsenden Räume
und Mauern genauer untersuchte (s. Not. 1888, 601 mit dem
Plan auf Tav. XX /lg. 10).

Im Jahre 1889 setzte Patricolo die Ausgrabung bei dem
Propylon fort, und da er erkannte, dass es zu einem heiligen
Bezirke führte, in dem ein Tempel vorausgesetzt werden müsste,
gelang es ihm am 18. April 1889 die gesuchte Colla thatsäch-

Abb. 57. Das Heiligtum der Demeter, von Westen.

Vorn der Pronaos, davor die Wasserrinne und der Brunnen, rechts das Südende des

grofsen Altars, links das Propylon, jenseits der Ebene der Stadtberg von Selinus.

lieh zu finden und, trotzdem damals noch ein Teil des Bodens
in Privatbesitz war, soweit auszugraben, dass ein klares
Bild von dem Grundriss des Tempels und von seiner Lage
innerhalb des Peribolos gewonnen werden konnte {Not. 1889,
253 ff.) — eine glänzende Entdeckung, die uns mit einer An-
lage bekannt gemacht hat, die nicht nur durch ihre Beziehung
zu einer grofsen Nekropole interessant ist, sondern vollständiger
als irgend eine andere Ruine in Sicilien und Unteritalien die

Beschaffenheit eines griechischen
Temenos veranschaulicht; dazu
kommt, dass die Cella von unge-
wöhnlicher Bauart und mit einem
Gesims ausgestattet ist, das unsere
Vorstellungen von den altertüm-
lichen Gesimsbildungen wesentlich
bereichert.

Ein weiteres besonderes Ver-
dienst hat sieh endlich Salinas
dadurch erworben, dass er im
Frühjahr 1894 das ganze Megaron
bis auf den Boden freigelegt und
den westlichen Abschluss des Peri-
bolos constatiert hat {Not. 1894,
220). Man muss mit gröfster
Spannung den ausführlichen Be-
richten der Herron Patricolo und Salinas entgegensehen, worin sie
die architektonischen und alle sonstigen Funde genau veröffent-
lichen wollen. Wir vermögen einstweilen nur das wenige zu
bieten, was wir bei flüchtiger Besichtigung der Ruine, zuletzt
im Mai des Jahres 1895, beobachten und den schon veröffent-
lichten vorläufigen Berichten von Patricolo und Salinas ent-
nehmen konnten.

Von den bisher aufgedeckten Bauwerken des heiligen Be-
zirkes rührt das Megaron mit dem Altar davor noch aus der
archaischen Zeit (s. S. 801.) und ebenso alt sind aiich die Votive,
die als Zeugen des einstigen sehr angesehenen Cultes erhalten
geblieben sind. Das Propylon wird dagegen wohl erst im 4. Jahr-
hundert erbaut und mit alten und neuen Anathemen angefüllt
und umgeben worden sein. Spuren von spät- und nachantiker
Benutzung des ganzen Terrains sind an dem Umbau, den ein
Teil des Tempels erfahren hat, in der Einfassung des Brunnens
und in der Wasserrinne vor der Ostfront der Cella zu bemerken.
Wir beginnen die Beschreibung des Peribolos mit dem
Propylon, nach griechischer Sitte einem Prachtbau und zwar
in dorischem Stile. Es ist ein breiter, saalartiger Raum, der
in eigentümlicher Weise nach 0. und W. durch zwei Säulen
zwischen Anten (oder genauer gesprochen, zwischen Ante-
pagmenten) geöffnet ist, im Osten etwas weiter als im Westen.
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