Rodenwaldt, Gerhart [Editor]; Archäologisches Institut des Deutschen Reiches <Berlin> [Editor]
Korkyra: archaische Bauten und Bildwerke (Band 2): Die Bildwerke des Artemistempels von Korkyra — Berlin, 1939

Page: 158
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/korkyra1939bd2/0164
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
sowohl der Giebel von Korkyra wie, unter Umformung in einen anderen Stil, die Giebel der
großen Tempel der Akropolis abhängig sind. Dasselbe gilt für den Tempel der Artemis Orthia
in Sparta (s. oben S. 154) und vielleicht für die hypothetischen Terrakotta-Tiergiebel in Gela
und Syrakus1, die von Korinth unmittelbar oder durch Vermittlung von Korkyra beeinflußt
sein können. Zu den Unterschieden von attischem und dorischem Empfinden gehört das ver-
schiedene Verhalten zur Giebelmitte. Der Attiker hat von den ersten Giebeln bis zum Parthenon
nicht das Bedürfnis nach einer positiven Betonung der Giebelmitte. Die dorische Tradition
dagegen bewahrt von dem Giebel zu Korkyra bis zum Zeustempel von Olympia die stark
frontale Mittelfigur; in den Göttergestalten jüngerer Tempel hat sich in sublimierter Form an
Stelle der apotropäischen Fratze die Aufgabe des Schutzes der Tempel erhalten. Der korinthische
Meister setzt die Gorgo in die Mitte zwischen die Löwenpanther, der attische in kleiner Gestalt
auf den Giebelfirst. Theoretisch könnte man für Korinth folgende Stufen der Giebelentwicklung
konstruieren:

I Zwei antithetische Tiere (Sparta). In den Ecken andere Apotropaia (Schlangen).

II Zwei antithetische Tiere und die Gorgo, diese in Korinth in der Giebelmitte, in Athen (Ost-
giebel des alten Athenatempels) auf dem First.

Ha In einer auf Korinth oder Korkyra beschränkten Sonderform treten zur Gorgo ihre Kinder,
Pegasos und Chrysaor.

III In die Giebelecken dringen Szenen des Mythos ein (Korkyra und Westgiebel des alten
Athenatempels in Athen).

ß. Zeus im Gigantenkampf

Zeus schwingt den Blitz in der Rechten, um den auf der Flucht in das Knie gebrochenen Gegner
zu vernichten. Der Gegner ist waffenlos; nur seine Rechte, die die Locken des Zeus packt, ver-
sucht noch, den tödlichen Schlag aufzuhalten. Beide sind nackt.

Die völlige Nacktheit beider Kämpfer sowie die Unbärtigkeit des Zeus unterscheiden diese
älteste Szene der Gigantomachie von den ihr folgenden Darstellungen der attischen und
ionischen Keramik2. Jugendlichkeit und Nacktheit gehören zusammen. Die Gestalt des Zeus
ist ein Vorläufer des jüngeren Typus des blitzschleudernden Zeus3, der den Gott indessen bärtig
zeigt4. Bärtig und bekleidet ist auch der einen Kentauren bekämpfende Zeus des protokorin-
thischen Aryballos in Boston5. Mehrere Statuen des unbärtigen Zeus in Olympia werden von
Pausanias erwähnt6. Wenn man sich des späteren Kultes des Zeus Kasios in Korkyra sowie der
Beschreibung erinnert, die Achilles Tatios von dem jugendlichen Bilde des Zeus Kasios in
Pelusium gibt7, so könnte man versucht sein, eine Beziehung anzunehmen; aber der Kult des
Zeus Kasios ist in Korkyra erst in der Kaiserzeit nachweisbar, und die Münzbilder zeigen ihn

1 E. Douglas van Buren, Arch. fict. revetments in Sicily and Magna Graecia 18 u. 72f. W.Darsow, Sizilische Dachterrakotten
(Berlin 1938) 15 u. 23 f. Bemerkenswert in bezug auf Korkyra ist das Pantherfragment vom Athenaion in Syrakus, MonAnt. 25, 631,
Abb. 221 (vgl. Payne, N. 252, Anm. 1).

2 O.Waser, Giganten, RE. Suppl. 3, 667ff. Zu den etruskischen Bronzereliefs vgl. G. M. A. Hanfmann, Art Bull. 19, 1937, 463 ff.

3 O.Waser, Zeus, Roscher 6, 714ff.

4 Zur Statuette des Hybrisstas vgl. die von Waser a. O. angeführte Literatur.

5 Payne, P. V. Taf. 11, 1 u. 2. Die Deutung Buschors (AJA. 38, 1934, 128ff., übersehen von F. Weege bei Dörpfeld, Alt-Olympia II
475), nach der die auch der protokorinthischen Vasenmalerei vertraute Gestalt des Kentauren hier als Typhon aufgefaßt werden soll,
ist nicht überzeugend, zumal der Kentaur den für ihn charakteristischen Zweig schwingt. Die Medusa des böotischen Reliefpithos ist
keine Parallele, denn für die Gattin des Poseidon Hippios und Mutter des Pegasos ist die Pferdegestalt mythisch begründet. In der
Bronzegruppe in New York erkenne ich nach wie vor Herakles im Kampfe mit einem Kentauren der Pholoe (Hege-Rodenwaldt,
Olympia2 18). R.Hampe, Frühgriech. Sagenbilder 32 beschränkt sich auf die Bezeichnung ,,Kentaurenkampf“.

6 F. Weege, bei Dörpfeld, Alt-Olympia 472. Dort weitere Literatur zu dem unbärtigen Zeus.

7 Vgl. A. B. Cook, Zeus II 2, 985 f.

158
loading ...