Rodenwaldt, Gerhart [Editor]; Archäologisches Institut des Deutschen Reiches <Berlin> [Editor]
Korkyra: archaische Bauten und Bildwerke (Band 2): Die Bildwerke des Artemistempels von Korkyra — Berlin, 1939

Page: 167
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IV. ZUR KUNSTGESCHICHTLICHEN STELLUNG

DER BILDWERKE

So eindrucksvoll die Größe des Werkes an sich, so verständlich seine religiöse Sprache und so
klar sein dorisches Wesen ist, so schwierig ist es, seine Stellung in der Kunstgeschichte und
seine Datierung zu bestimmen. Es gibt in der Periode, der es angehört, kein objektiv gesichertes
absolutes Datum. Gleichzeitige korinthische Steinskulpturen fehlen. Die Ansichten über die
Datierung der früh- und mittelkorinthischen Vasenmalerei schwanken. Eine Untersuchung,
die nach einem endgültigen Urteil strebte, müßte sich Schritt für Schritt den Weg bahnen und
alle Fragen der kunstgeschichtlichen Gliederung der Epoche und ihrer Beziehungen sowie der
Chronologie aller Kunstprovinzen neu aufrollen. Eine solche Aufgabe liegt außerhalb des
Rahmens dieser Veröffentlichung und der Kompetenz des Verfassers. Wir müssen uns daher mit
einer Skizzierung der Probleme und einer vorläufigen Einordnung begnügen.

Durch den Fund der Skulpturen des Artemistempels und die daran anschließende Unter-
suchung der Architekturreste dieses und verwandter Bauten ist eine neue Provinz der hoch-
archaischen Kunst um die Wende des siebenten zum sechsten Jahrhundert und in dessen ersten
Jahrzehnten erschlossen worden, die in Zukunft eine stärkere Berücksichtigung als bisher
finden muß. Sie ist für die Geschichte der Architektur von mindestens der gleichen, vielleicht
von noch größerer Bedeutung als für die Plastik. Durch die an die Veröffentlichung der Grab-
funde von Trebenischte anknüpfende Diskussion konnte auch eine lokale Toreutik für die
Städte des korinthischen Kunstbereiches im Gebiet der Adria vermutet werden1, ohne daß eine
Zuschreibung bestimmter Werke an Korkyra bisher möglich gewesen wäre. Eine literarische
Überlieferung über diese frühe Kunstblüte hat sich nicht erhalten.

Als das kunstgeschichtliche Interesse der Antike erwachte, war die politische und kulturelle
Rolle, die die Insel in einzelne Phasen der Weltgeschichte einbezog, längst ausgespielt. Auch
von einer korkyräischen Kunstschule wird uns nichts berichtet. Als die Korkyräer um 500 die
beiden ehernen Stiere nach Olympia und Delphi weihten, beauftragten sie für Delphi den
Aigineten Theopropos. Der Meister des olympischen Exemplars ist nicht überliefert, war aber
schwerlich von der Insel gebürtig, sondern wird einer der damals berühmten Schulen der
Bronzeplastik des Festlandes angehört haben2; vielleicht war der olympische Stier ein zweiter
Guß nach demselben Modell des Theopropos3. Der Kritiosschüler Ptolichos von Korkyra4
gehört in die attische Schule des fünften Jahrhunderts. Sein Geburtsort beweist, wie alle Her-
kunftsangaben, nichts für künstlerische Provenienz. Näher kommen wir räumlich und zeitlich
der Kunst um den Artemistempel mit der Überlieferung über den Aufenthalt und die Werke
des Dipoinos und Skyllis in Ambrakia5. An sie hat Brunn6 die Nachricht Tatians angeschlossen,

1 K.A.Neugebauer, FuF. 7, 1931, 193f.

2 Paus. V 27,9 und X 9,3. Pomtow, RE. Suppl. 4, 1205.

3 H. Brunn, Gesch. d. griech. Künstler I 96.

4 Paus. VI 3, 5.

6 Plinius, N. H. XXXVI 9 u. 14. C. Robert, Arch. Märchen 18ff. B. Schweitzer, Xenokrates von Sikyon 2811.

6 Gesch. d. griech. Künstler I 54.

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