Rodenwaldt, Gerhart [Editor]; Archäologisches Institut des Deutschen Reiches <Berlin> [Editor]
Korkyra: archaische Bauten und Bildwerke (Band 2): Die Bildwerke des Artemistempels von Korkyra — Berlin, 1939

Page: 135
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/korkyra1939bd2/0141
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
III. DEUTUNG DES WESTGIEBELS

i. Die Mittelgruppe

Während der Ausgrabung des Jahres 1911 wurde die Mittelgruppe von den griechischen
und deutschen Fachgenossen zunächst als die Tötung der Medusa durch Perseus und die Ge-
burt des Pegasos gedeutet1. Als ich von W. Dörpfeld mit einer Revision der Fragmente
beauftragt wurde, ergab sich mir mit der richtigen Stellung des Jünglingstorsos die Über-
zeugung von der Unwahrscheinlichkeit dieser Interpretation. Ich schlug die Deutung auf eine
apotropäische Gruppe der Gorgo mit ihren Kindern, Pegasos und Chrysaor, vor, die die Zu-
stimmung von W. Dörpfeld, K. Rhomaios und G. Karo fand und alsbald in die Literatur über-
ging. Sie ist, ohne daß eine besondere Begründung nötig erschien, allgemein vertreten2 und
erst kürzlich durch R. Hampe bestritten worden3.

Veranlassung zu der Annahme, daß nicht eine mythologische Handlung, sondern ein apotro-
päisches Dasein gemeint sei, war weniger die Kleinheit des vermeintlichen Perseus4 im Ver-
hältnis zur Gorgo als die Tatsache, daß eine Waffe des Jünglings auf keine Weise den Hals der
Gorgo berühren kann. Die archaische Kunst setzt wie die klassische das Wissen des Beschauers
vom Mythos voraus und kann einen unentschiedenen Kampf (Achill und Memnon) und eine
Bedrohung (Priamos und Neoptolemos, Menelaos und Helena, Aias und Kassandra) darstellen,
weil der Ausgang dem Betrachter bekannt ist. Auch die Tötung der Gorgo war eine jedem
Griechen vertraute Sage. Aber die Kunst empfand hier anders als bei den Mythen der troischen
Helden; auf allen sicher so zu deutenden Bildwerken ist mit handgreiflicher Klarheit der Augen-
blick der Tötung dargestellt. Die mythische Sphäre der Gorgotötung ist eine andere als die der
troischen Helden und verlangte die Tat selbst. Für die Betonung des apotropäischen Ge-
dankens sprach ferner die Bedeutung, die Gorgoneion und Gorgo auch sonst am Tempelgiebel
besitzen, und die LTmgebung der beiden gewaltigen Tie' e, die keiner Handlung angehören,
sondern den Tempel durch ihr Dasein schützen. Chrysaor ist sonst in so früher Zeit nicht dar-
gestellt, aber jeder kannte die Verse aus Hesiods Theogonie (280ff.).

»t?]5 ?>’ ots ?ü] Ilspcsog xscpaArp aTsSsipoTop.rjosv,
sx&ops Xpucawp ts ij.£yac xal üfiyacrog ittttog.

TÖ [TSV STCMVUIXOV JSV, OT ’QxsaVOÖ TCSpt 7tT)Y
ysv&J o <V aop /pucsiov s/mv p.sT-/. /spei cpüa]cnv.«

Der neue Deutungsversuch R. Hampes geht von zwei Beobachtungen aus. Er behauptet
zunächst, daß der Jüngling mit dem rechten Fuß auf den der Gorgo träte und dadurch als
siegreicher Kämpfer charakterisiert würde. Tatsächlich verschwindet jedoch der Fuß des
Jünglings hinter dem Spann des Gorgofußes und dringt in ihn ein, wie es ähnlich bei dem einen

1 So in Dörpfelds Ausgrabungstagebuch. Vgl. Berliner Lokal-Anzeiger vom 4. Mai 1911 (erwähnt bei Th. Zell, Wie ist die auf Korfu
gefundene Gorgo zu ergänzen ? Berlin, 1912, 128). Diese Deutung gibt auch noch der Bericht von A. I. Reinach, RA. 17,1911, 450f.

2 C. Weickert wollte, wie er mir freundlichst mitteilte, mit seinen Bemerkungen, Typen d. arch. Architektur 109f. keine abweichende
Deutung begründen.

3 AM. 60/61, 1935/6, 269ff.

4 G. Karo, AA. 1911, 136.

155
loading ...