Rodenwaldt, Gerhart [Editor]; Archäologisches Institut des Deutschen Reiches <Berlin> [Editor]
Korkyra: archaische Bauten und Bildwerke (Band 2): Die Bildwerke des Artemistempels von Korkyra — Berlin, 1939

Page: 164
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bezeichnet. Zwei Türme mit einem Mauerstück bezeichnen die Stadt auf einer phönikischen
Silberschale aus Praeneste1. Auch die archaische griechische Kunst zeigt Mauer oder Türme
mit dem Tor in der Mitte2. Ebenso wird die Fassade des Hauses ausführlich wiedergegeben. Ich
wüßte keine Parallele für eine derartig abgekürzte Andeutung einer Stadt zu nennen. Auch
würde man erwarten, daß das Gemäuer in diesem Falle bis zum oberen Rande reichen und sich
breiter ausdehnen würde. Dagegen ist die Form, wenn auch nie gleich schlank, charakteristisch
für den aus Ziegeln gebauten Altar, der, niedriger, wiederholt dem Priamos als Sitz dient3.
Einen Altar läßt uns auch die sonstige Überlieferung erwarten. Da die Ziegel häufig mehrfarbig
wiedergegeben werden, wird auch für die Polychromie des Reliefs ein Farbenwechsel anzu-
nehmen sein (oben S. 86). Für die Interpretation der ganzen Szene hat die Erklärung der
Mauer als Altar die gleiche Bedeutung, wie sie eine Stadtangabe haben würde; sie paßt nicht
zur Gigantomachie, wohl aber zur Iliupersis4.

Dann kann der Tote in dem linken Giebelwinkel nur ein gefallener Troer sein. Ob außer ihm
noch eine zweite, kniende, nach außen gerichtete Figur darin enthalten war, muß hier wie auf
der rechten Seite unentschieden bleiben (s. oben S. 104). Der Tote trägt den gleichen langen,
schmalen, spitzen Bart wie der Gegner des Zeus, während die Haare über der Stirne in Spiralen
gedreht waren. Merkwürdig, nicht nur in formaler Beziehung, sind die einzelnen Strähnen, die
von dem Barte schräg nach unten herabhängen (s. oben S. 101). Hätten wir in dem Toten einen
Giganten zu erkennen, so würde man hier die Andeutung eines struppigen Bartes, der den
Giganten kennzeichnen soll, vermuten. So ist es ein Stück Eindringens von Naturwiedergabe
in die stilisierte Form.

5. Das Ganze

Der größte Raum des Giebels und die mächtigsten Gestalten sind der Gorgogruppe und dem
Paar der Löwenpanther gegeben. Sie haben die Feierlichkeit des Eindrucks bestimmt. Nur in
den Giebelwinkeln vollzieht sich in kleinerem Maßstabe mythische Handlung, wie sie auch auf
den Metopen oder dem Friese gegeben war. Auch diese Szenen, die räumlich weit ausein-
anderliegen, gehören nicht dem gleichen Thema oder Sagenkreise an5. Gigantomachie und
Iliupersis sind auch späterhin nebeneinander oder als Gegenstücke an einem Bau oder Kunst-
werk zur Darstellung gelangt6.

Es ist ein klassizistisches Postulat7, von einer Giebelkomposition, die noch in der Tradition
des siebenten Jahrhunderts steht, eine Einheit des Themas zu erwarten. Robert hat schon bald
nach Bekanntwerden der Giebelskulpturen8 dargelegt, daß eine solche Einheit nicht vorhanden

1 Winter, Kunstgesch. i. Bildern 105, 3.

2 Archaische Stadt; vgl. die Mauer von Troia auf der Fran9oisvase, FR. I Taf. 11/12, die Stadt Themiskyra auf der tyrrhenischen
Amphora in Florenz, Inghirami, Vasi fitt. IV Taf. 304 (Thiersch, Tyrrh. Vasen 64) und die tyrrhenische Scherbe Berlin 1711 (Thiersch
65. Hinweis von R. Zahn).

3 Vgl. Pfuhl, MuZ. III 39, 169/70 (böotisch). Krater mit Peleus und den Nymphen in Paris, Payne, N. Nr.Hi61 (korinthisch. Nach
Photographie abgebildet, wie mir Zahn nachweist, auch bei Ahrem, Das Weib i. d. ant. Kunst 48 Abb. 44). Berlin 1686, Gerhard,
Etrusk. u. Kamp. Vasenb. Taf. II. Graef-Langlotz, Akropolis I Taf. 104, 2523 (attisch). Als Altar schon von Karo, AA. 1911, 136
bezeichnet. Zwei Windfänge hat der vor dem Hause der Thetis auf der Fran9oisvase, FR. Taf. 1/7. Vgl. den Altar als Sitz des
Zeus auf der Phlyakenvase, M. Bieber, Denkmäler z. Theaterwesen Taf. 77; A. Rumpf, Religion der Griechen. Abb. 66.

4 Ein in der Nähe eines Altars auf der Amphora bei Furtwängler, S. Sabouroff I Taf. 48.

5 Es bedarf keiner Ausführung, daß die eigentümliche attische Version bei Euripides, Ion 989Ff. (vgl. Wila.mowitz, Euripides Ion,
Berlin 1926, 131 f.), nach der Ge während des Gigantenkampfes die Gorgo gebiert, die der Athena unterliegt, hier nicht in Frage
kommt.

6 Vgl. aus der Kunst Siziliens die Giebel des Zeustempels von Akragas, Diod. XIII 82. M. Mayer, Giganten und Titanen 263.

7 Sein Vertreter ist besonders Ch. Picard. Vgl. REA. 32, 1930, 182 u. Manuel I 477.

8 Über diese lagen ihm schon während der Ausgrabung schriftliche Berichte von mir vor.

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