Lanckoroński, Karl [Editor]
Der Dom von Aquileia: sein Bau und seine Geschichte — Wien, 1906

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Lehrgedicht: «Der welsche Gast» mit über 14.000 Versen.1) Dieser genial veranlagte Kirchen-
fürst suchte aber auch durch gute Wirtschaft die finanzielle Unordnung seines Besitzes wieder
abzustellen. Von ihm haben wir die ersten großen in Aquileja geprägten Münzen, wahrschein-
lieh von Florentinischen Meistern geschlagen.2) Als seine letzte bedeutende Tat pries seine Grab-
schrift die Friedensvermittlung zwischen der Republik Venedig und den Paduanern und
Trevisanern. Er starb im Rufe der Heiligkeit.3)

Der letzte in dieser Reihe großer Männern, die, aus deutschem Blut entsprossen, den
Patriarchenstuhl von Aquileja innehatten, war Berthold von Andechs. Der Herzog von Kärnten Berthoid
und Graf von Tirol war sein Bruder, zwei seiner Schwestern waren Königinnen, die eine von
Frankreich und die andere von Ungarn, und seine Nichte war die heil. Elisabeth von Thüringen.
Wie diese, zierte auch ihn die Freundschaft des heiligen Franziskus von Assisi. Vor seiner
Erhebung zum Patriarchen war er Erzbischof von Kalocsa, Banus von Kroatien und scheint
1217 an der Regentschaft Ungarns beteiligt.4) Im Jahre 1244 sollen ihm in Rom als Vasallen
Przemysl von Böhmen, Leopold von Österreich und Berthold von Kärnten assistiert haben.
Er wurde ein «zweiter Papst» genannt. Ein kaiserliches Diplom bestätigte, daß die Kirche
von Aquileja den ersten Rang unter den Kirchen des Reiches einnehme und ihr Metropolit
Fürst des heiligen römischen Reiches sei.5) In Istrien begann aber seine Herrschaft durch den
Einfluß der Venezianer Schaden zu leiden, und unter vielen Kämpfen hatte er sich zu ver-
teidigen. Aber den größten Feind Aquilejas, die aus den versumpften Kanälen steigende Fieber-
luft vermochte er nicht mehr zu bewältigen.6) So fand denn die in das Geschick des Patri-
archates tief einschneidende Verlegung der Residenz nach Udine, einer sanitär günstig gelegenen
Stadt (1228) unter demselben Patriarchen statt, der das glanzvollste Regiment geführt hatte.
Wie ein Symbol dieses Falles nimmt sich die Legende aus, daß Berthold bei seinem ersten
Einzug in den Dom unweit des Haupteinganges gestürzt sei, aber, schnell gefaßt habe er diese
Stelle zu seinem Grabe bestimmt.7)

Zweihundert Jahre hatte der Bau Poppos standgehalten. Nun meldeten sich die ersten
Baugebrechen.

Während der dreiunddreißigjährigen Regierung Bertholds wurde eine Restaurierung des Restaurierungs-
Domes ungefähr 10 Jahre vor der Übersiedlung nach Udine notwendig. Sie scheint sich auch
aus Geldmangel in die Länge gezogen zu haben.8) Dieser empfindliche Kontrast zwischen
den offenbar schwächlichen Maßregeln bezüglich der eigenen Kirche und dem politisch glanz-
vollen Auftreten nach außen ist nur zu verstehen durch den allmählich hoffnungslos gewor-
denen sanitären und wirtschaftlichen Niedergang der Stadt, denn Berthold wird als ein persön-
lieh wohltätiger und umsichtiger Mann geschildert. Daß sein Nachfolger, der früher erwähnte
Legat Gregor, die Zahl der Domherren von Aquileja vermindern mußte, da die Einkünfte für
den Unterhalt nicht reichten, bezeugt neuerdings die mißlichen Verhältnisse.

Auf die Reihe der mehr ghibellinischen Patriarchen sollte nun nach Gregors unvermutet
raschem Tode (1269) in der kaiserlosen Zeit das Patriarchat für die Weifenpartei gesichert
werden. Mit dem Bischof von Como, Raimondo della Torre, gelangten vier Mitglieder dieser
mailändischen Familie9) fast unmittelbar nacheinander auf den Patriarchenthron. Drei davon
ruhen in der von Raimondo begründeten Torrianigruft, einer Seitenkapelle des Domes. Ihre
prunkvollen Sarkophage sind die einzigen über der Erde jetzt sichtbaren Patriarchengräber
Aquilejas. Als das kaiserliche Ansehen in Oberitalien im Niedergange begriffen war, wurden

fragen

Gregor

Raimondo

J) ibid., S. 276. Daß Patriarch Wolfger der Dichter von Frei-
danks Bescheidenheit sei, hat Dr. Justus Grion in Höpfners u. Zachers
Zeitschr. II, S. 408 ff. gekünstelt zu beweisen versucht, aber keine
Zustimmung gefunden. Sandvoss, Freidank, S. 325. Goedecke, Grund-
riß, S. 165.

2) Puschi, Atelier monet., S. 60.

3) Der gegenwärtig verlorene Grabstein soll besagt haben:
Volcherius j Stabilita Patriarchali dignitate | Atque auetoritate | Inter
caetera, quae gessit sapienter, | Patavinos et Tarvisinos populos |
Venetae Reipublicae conciliavit (Coronini, Patriarchengräber, S. 64).

4) Marczali, Magyarorszäg törtenete, S. 366, 378. Ihm soll
auch die Verpflanzung der Tokaier Rebe aus Friaul nach Ungarn
zu danken sein. Coronini, 1. c, S. 74. Über den italienischen Ur-
sprung des Tokaier Weines siehe auch Szirmay, Notitia topogr.
Zempl., S. 15.

5) Czörnig, Görz, S. 291. Vgl. Bricito, Thesaurus, S. 412.

6) Nicoletti bei de Rubeis, Monum., col. 713.

7) 1251. Kai. Maii. D. Bertoldus Patriarcha obiit, iacet in cor-
pore Ecclesiae antevalvas. Necrologium bei Joppi, Basilica, S. 22. Keine
Inschrift ist auf seinem Grab, dessen ornamentierte Platte vor dem
Haupteingang des Domes liegt.

8) c. 1228 fordert Bischof Gerhard von Cittanova seine Gläu-
bigen auf, für die Restaurierung der Kirche von Aquileja beizu-
tragen Kandier, Cod. Dipl. ad ann. 1228; und um dieselbe Zeit gibt
Gregor von Montelongo als päpstlicher Legat die Erlaubnis, das
Einkommen vakanter Benefizien der Diözese für die Restaurierung
der Kathedrale zu verwenden. Der Papst und der Patriarch bestä-
tigen die Maßregel. Joppi, 1. c, S. 21 und de Rubeis, 1. c, S. 712 f.

g) Von Friaul aus kam das Geschlecht der Torriani (Thum)
nach Deutschland und Österreich. Czörnig, 1. C, S. 301.

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