Lübke, Wilhelm
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart — Leipzig, 1865

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Alis dem Vorwort zur ersten Auflage.

lYlalerei und Sculptur erfreuen sich in weiten Kreisen allgemeiner
Theilnahme, wachsenden Verständnisses. Unmittelbar fühlt sich die Empfin-
dung von ihren fVerken lebhaft angesprochen, zu ihnen hingezogen, und es
fehlt nicht an Hand- und Lehrbüchern, welche die tiefere geschichtliche
Erkenntniss der darstellenden Künste auch dem grösseren Publikum ver-
mitteln. Anders steht es mit der Architektur. Obwohl sie die älteste,
allgemeinste und ehrwürdigste unter den bildenden Künsten ist, obwohl
ihre Schöpfungen uns überall begleiten, unseren geistigen und materiellen
Bedürfnissen entgegenkommend und unserem Leben als Rahmen und Hinter-
grund dienend, so trifft man selbst in gebildeten Kreisen fast nirgends
ein Verständniss derselben, ja es fehlt sogar an der Kenntniss der noth-
wendigsten Grundbegriffe.

Obschon dies Verhältniss im EVesen der Architektur tiefer begründet
ist — worüber hier die blosse Andeutung genüge—, so findet es doch
auch in manchen äusseren Umständen Erklärung. Der zunächst liegende
ist wohl der, dass es kein literarisches Hülfsmittel gibt, aus welchem der
Laie über die vielen technischen Ausdrücke, die bei dieser Disciplin so
wichtig sind, Belehrung schöpfen könnte. So lebhaft in den letzten De-
zennien von verschiedensten Seiten die Erforschimg der Baudenkmäler be-
trieben worden ist, so viel Material sich dadurch angehäuft hat, so fehlt
es doch noch an einer populären DarStellung der Baugeschichte.
Eine solche ist in diesem Buche versucht worden. Einige Bemerkungen
über die Gesichtspunkte, welche dabei maassgebend waren, mögen hier ge-
staltet sein.

Vor allen Dingen kam es darauf an, die Architektur im Zusammen-
hang mit der Gesammtentwicklung der Menschheit zu betrachten; nach-
zuweisen, wie in ihren Werken die geistigen Richtungen der Völker, der
Jahrhunderte klar sich aussprechen. Dass hierbei die meisterhaften kultur-
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