Lübke, Wilhelm
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart — Leipzig, 1865

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Drittes Buch.

Pantaleon
zu Köln

Künstleri-
scher Cha-
rakter.

westliche Theil des Münsters zu Essen*), letzterer (noch aus dem 10. Jahrh.
und in den Details durchaus antikisirend) namentlich dadurch interessant, dass
er gewisse Umänderungen mit dem ursprünglichen Plane vornimmt, um sich als
Nonnenchor mit einem Langhausbau zu verbinden. Ein Bruch-
stück stattlicher Art ist endlich noch in den westlichen Theilen
von S. Pantaleon zu Köln erhalten, ohne Zweifel ein Rest
der 980 geweihten Kirche, eine weiträumige Vorhalle mit einer
Empore, die sich mit einem Bogen von 35 Fuss Spannweite
gegen das Mittelschiff öffnet. Die spärlichen Details ahmen
römische Formen nach, wie das unter Fig. 181 gegebene Pfeiler-
gesims bezeugt.

Von der künstlerischen Durchführung dieser Bauten haben
wir keine Anschauung mehr. Doch deutet das Aachener Münster,
deuten vereinzelte andere Reste aus jener Zeit noch auf völlige
Abhängigkeit von römischer Ueberlieferung. Byzantinische Einflüsse sind
dagegen nirgends nachzuweisen; ja es verdient als beachtenswerthes Zeug-
niss hervorgehoben zu werden, dass jener Prachtbau des grossen Karl, obwohl
er in seiner Grundform sich einem byzantinischen, wenngleich auf italieni-
schem Boden liegenden Bauwerke anschloss, doch im Detail und der Gliede-
rung keine Spur byzantinischen Einflusses verräth. Andererseits blickt aber
auch noch keine Regung germanischen Geistes aus den Gliedern dieser Denk-
mäler hervor. Noch waren die Culturelemente jener Zeit in zu grosser Gährung
begriffen; noch standen sich römische Tradition und germanisches Wesen zu
unvermittelt und spröde gegenüber, um durch Verschmelzung neue Gestaltun-
gen an’s Licht fördern zu können. Zwar regt sich in den eben angedeuteten
Veränderungen des Grundrisses der Basilika bereits ein zukunftverheissendes,
frisches Schaffen: aber den wirklichen Prozess einer neuen künstlerischen
Schöpfung werden wir erst in der folgenden Epoche zu betrachten haben.

Fig. 181.

Von S. Pantaleon
zu Köln.

ANHANG.

Die georgische und armenische Baukunst.

Land und Die gebirgigen Länder des Kaukasus, vom Ostrande des schwarzen
Volk- Meeres bis an das kaspische Meer, haben von jeher eine unselbständige Zwi-
schenstellung eingenommen. Sowohl in politischer als in religiöser Beziehung
waren sie von den grösseren Nachbarstaaten abhängig, und so kam es, dass,
als ihre Völker schon früh — bereits seit dem vierten Jahrhundert — zum
Christenthume übergetreten waren, auch ihre Architektur sich hauptsächlich
an die byzantinische anlehnte. Doch nahmen sie, eben vermöge ihrer Zwi-
schenstellung und ihrer geistigen Beweglichkeit auch anderweitige Formen,

*) Vgl. Aufnahmen und Bericht von F. v. Quast im ersten Jahrgänge der Archäologischen Zeitschrift
von F. v. Quast und H. Otte.
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