Lübke, Wilhelm
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart — Leipzig, 1865

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66

Erstes Buch.

Das Land.

Die Volks-
stämme.

Geschichte

Reste von
Mauern.

FÜNFTES KAPITEL.

Kleinasiatische Baukunst,

Kleinasien war in früher Zeit schon der Schauplatz einer reichen und
mannichfachen Culturentwicklung. Auf drei Seiten vom Meere umflossen und
von fruchtbaren, anmuthigen Inseln umgeben, unter einem der schönsten Him-
melsstriche, der alle Bedingungen eines höheren Daseins in Fülle gewährt,
musste das Land durch seine vorgeschobene Lage, durch die ausgedehnte
Küstenbildung, durch die nahe Verbindung mit dem Orient und Occident bald
zur Ansiedelung locken. Es fanden denn auch von allen Seiten frühzeitig Ein-
wanderungen statt, sowohl von arischen und semitischen als auch von thraci-
sclien und und griechischen Stämmen, die zumeist an den Küsten und auf den
Inseln sich ansiedelten und den Grund zu einer mannichfaltigen Cultur legten.
Die weit ausgedehnte und durch Buchten reich gegliederte, auf Handel und
Schifffahrt hinweisende Küste, ferner die Durchschneidung und Zerstückelung
des Landes durch eine Anzahl meist parallel laufender Gebirgszüge, verbunden
mit der ursprünglichen Verschiedenheit der Abstammung, beförderte eine Iso-
lirung der einzelnen Colonistengruppen und bewirkte somit eine gewisse Man-
nichfaltigkeit der Entwicklung.

Während nun an der West- und Nordküste sowie auf den umgebenden
Inseln die griechischen Ansiedler eine Reihe von selbständigen Staaten bildeten,
treten in historischer Zeit ausserdem als Hauptstämme die Phryger, Lyder und
Lycier uns entgegen. Die Phryger hatten den mittleren, durch waldreiche
Hochebenen ausgezeichneten Bezirk inne; westlich neben ihnen sassen in der
vom Mäander durchströmten Landschaft die Lyder; an der Südküste hatten
sich die Lycier angesiedelt. Ausserdem finden wir nördlich von den Lydern
die Myser, und südlich von ihnen die Karer.

Alle diese Völkerschaften wurden allmählich, von Beginn des siebenten
Jahrhunderts an, durch die immer mächtiger und reicher gewordenen Lyder
unterjocht. König Gyges (um 700 v. Chr.) begann den siegreichen Kampf mit
den Nachbarstaaten, der durch seine Nachfolger Ardys, Sadyattes undAlyattes
beendet wurde. Es erhob sich das mächtige lydische Reich mit seiner pracht-
vollen Hauptstadt Sardes; und als dem Nachfolger desAlyattes, dem berühmten
Krösus, auch die Unterwerfung der bisher frei gebliebenen kleinasiatischen
Griechen gelang, hatte die lydische Macht ihren Gipfelpunkt erreicht. Aber
schon um 550 erlagen die Lyder dem siegreichen Vordringen des Cyrus, der
ganz Kleinasien seinem Scepter unterwarf. Mit Alexander dem Grossen (331
v. Chr.) erlosch der Glanz des persischen Reiches. Griechische Cultur drang
im Gefolge seiner Siegeszüge ein und erhielt sich in ihrer späten Nachbliithe
selbst während die welterobernde Macht der Römer auch diese Gebiete unter
ihre Herrschaft beugte.

So weit bis jetzt unsere Kenntniss der kleinasiatischen Denkmäler reicht*),

*) Literatur : Ch. Texier Description de l’Asie mineure. 3 Vols. Paris 1849. — Ch. Fellows. A Jour-
nal written during an excnrsion in Asia minor. London 1839. — Derselbe. An account of discoveries in
Lycia. London 1841. Deutsch von Dr. Z enker. Leipzig 1853.— Spratt and Forbes. Travels in Lycia.
London 1847.
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