Lübke, Wilhelm
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart — Leipzig, 1865

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Drittes Blich.

apsis durch die von Säulen eingefassten Fenster und die über denselben die
Wand durchbrechenden Nischen einen sehr zierlichen Eindruck macht. Ueber
denselben erblickt man die Hauptkuppel und zu deren Seiten zwei von den drei
auf der Vorhalle angeordneten niedrigeren Kuppeln. Sie alle haben die runde
Gestalt und die in die Wölbung einschneidenden Fenster — Merkmale, welche
die spätere byzantinische Architektur besonders kennzeichnen.

In dieser Gestalt, ziemlich unberührt von den Einwirkungen abendlän-
discher Kunst, überdauerte die byzantinische Architektur selbst den Fall des
griechischen Kaisertlmms und steht noch jetzt in jenen östlichen Gegenden in
Hebung.

HcbeCBede" Fragt es sich nun nach der Bedeutung jenes Styles und seinem
tung des' Werthe für die Gesammtentwicklung, so wird man wieder auf den oben
su-k.s. pereps angeschlagenen Vergleich mit der Basilika zurückzukommen haben.
Beide Bauweisen, die mehr dem Abendlande angehörende Basilika und der by-
zantinische Centralbau, müssen in genauem Zusammenhänge aufgefasst werden
als Geschwister, die, aus dem Schoosse der altchristlichen Bildung hervorge-
gangen, unter verschiedenen äusseren und inneren Einflüssen sich sehr ver-
schieden, fast entgegengesetzt entwickelt haben, und dennoch nur in ihrer
Vereinigung unter einem gemeinsamen Punkte der Betrachtung den Geist jener
Epoche in seiner ganzen Tiefe und Vielseitigkeit spiegeln. Steht der byzan-
tinische Centralbau an Originalität der Conception und der Durchbildung, an
technischem und constructivem Neugelialt, an Pracht der Ausstattung dem Ba-
silikenbau unbedenklich voran, so hat doch jener wieder den unübertrefflichen
Vorzug, das einfachste, anspruchloseste und zugleich dem praktischen Zweck
wie der geistigen Bedeutung am nächsten kommende Princip gefunden zu haben.
Trotz allen Aufwandes an Mitteln und Einsicht brachte der Centralbau mit
grosser Mühe nur eine complicirte und unklare Grundform zu Stande, in welcher
er, gleichsam mit Erschöpfung seiner ganzen Erfindungsgabe, unrettbar er-
starrte. Die Basilika dagegen gab in jener schlichten Gestalt des mehrschiffigen,
auf den Altarraum hinführenden Langhauses dem frischen, schöpferischen
Geiste der germanischen Völker eine jener Grundformen, welche eben wegen
ihrer unbewussten Einfachheit den Keim reichster Entfaltung in sich tragen.
Desshalb nahm die Architektur des Mittelalters in der Folge von den Byzan-
tinern zwar wohl die treffliche Technik, die neuen Bereicherungen der Con-
struction und in der Durchführung einige Einzelformen auf: aber das Gerüst,
aus welchem sie ihre herrlichen Schöpfungen, wie aus dem Embryo einen
lebenskräftigen Organismus, entwickelte, war die Basilika.

DEITTES KAPITEL

Die altchristliche Baukunst bei den Germanen.

Diegermani- Als nach den Stürmen der Völkerwanderung die germanischen Stämme
vüiker 'n ihren neuen Wohnsitzen sich befestigten, fanden sie sich als culturlose,
naturwüchsige Barbaren in Umgebungen, welche trotz aller Verheerungen mit
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