Lübke, Wilhelm
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart — Leipzig, 1865

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Erstes Buch.

weglichen Zelten, dessen Nachklänge die Prachtarchitektur der Spätzeit, durch
die Milde des Klima’s begünstigt, festhielt. Die Form der bekrönenden Ge-
simse scheint dagegen ein von Aegypten übertragenes Motiv zu sein, welches
man in einer'" dem heimischen Gefühle zusagenden Weise; umbildete. Histo-
rische Bestätigung findet die Ansicht von der Entlehnung fremder Formen so-
wohl durch die verhältnissmässig späte Datirung der persischen Denkmäler,
als auch durch das Zeugniss Herodots von dem Charakter jenes Volkes, den
er als einen für Fremdes besonders empfänglichen darstellt.

Eignes. Dagegen fehlt es auch nicht an persisch-nationalen Elementen. Dahin

rechnen wir die überaus grosse graziöse Schlankheit der Säulen, das heiter
Prächtige der weiten Terrassen, die Form des Einhornkapitäls und im Allge-
meinen die Art der Empfindung, in welcher die entlehnten fremden Motive auf-
gefasst und umgewandelt wurden. Dass alle diese Elemente nicht in conse-
quenter, organischer Weise verbunden, dass auch in constructiver Hinsicht
kein einheitliches System errungen wurde, bildet den Grundzug und zugleich
die Schwäche dieses Styles. So brachten auch in politischer Beziehung die
Perser es nicht zu einer staatlichen Einheit. Ihr Despotismus war ein Amal-
gam der verschiedensten Völker, die beim Mangel eines centralisirenden,
staatbildenden Gedankens nur lose verknüpft, nicht zu einem Körper ver-
schmolzen waren.

ANHANG.

Sassanidische Baukunst.

Geschichte. Fünfhundert Jahre waren vergangen, seit das alte Perserreich durch
Alexander’s Eroberungszug seinen Untergang gefunden hatte. Griechische
Kultur hatte sich auf den Stätten, wo einst Darius und Xerxes geschaltet, aus-
gebreitet und mit glänzenden architektonischen Denkmälern dies neue Herr-
schaftsverkältniss ausgeprägt. Seleucia war an die Stelle des alten Babylon
getreten, wurde aber wie alle übrigen Diadochen-Residenzen fast spurlos von
der Erde vertilgt, ebenso wie die Seleuciden-Dynastie selbst von den kräftigen
Parthern gestürzt wurde. Da erhob sich im J. 226 unserer Zeitrechnung das
Perservolk unter Ardaschir (Artaxerxes) I, zerstörte das parthische Reich und
richtete ein neues Perserreich auf, das nach dem Namen des Stammvaters der
neuen Herrscher das Reich der Sassaniden genannt wurde. Die alten Erinne-
rungen an die Grösse der Vorzeit lebten auf, die Religion der Vorfahren, der
Dienst des Ormuzd mit seinem Feuerkultus wurde wieder hergestellt, und in
siegreichen Kämpfen das neue Reich gegen Römer und Byzantiner vertheidigt,
bis es 641 dem Islam erlag.

Kunstsinn d. Nach der Weise der persischen Vorzeit strebte auch die Sassanidenzeit

Sassaniden. na(q1 monumentaler Verherrlichung. Noch standen prachtvolle Reste der alten
Paläste und Grabmäler aufrecht; aber dazwischen hatten sich Denkmäler
griechisch-römischer Kunst gedrängt, gewiss nicht ohne Anflug jener üppige-
ren Phantastik, wie sie auch in anderen Römerresten des Orients hervortritt.
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