Lübke, Wilhelm
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart — Leipzig, 1865

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EINLEITUNG.

Unter allen Künsten schliesst sicli keine so innig den Bedürfnissen des
Lebens an wie die Baukunst. Keine ist daher der Verwechslung mit bloss
handwerklichem Schaffen so leicht ausgesetzt wie sie; denn da sie den Bedin-
gungen gemeiner Zweckmässigkeit zugleich gerecht zu werden sucht, und ihre
früheste Thätigkeit dahin zielt, dem Menschen ein Obdach herzustellen, so
glaubt man sie jenen Bedingungen allein unterthan. So lange die Architektur
nur solche äussere Erfordernisse befriedigt, steht sie allerdings lediglich auf
der Stufe des Handwerks und hat noch keinerlei Anspruch auf einen Platz
unter den Künsten. Weder das Wigwam des nordamerikanischen Wilden, noch
die backofenförmige Hütte des Hottentotten, noch endlich das schlichte stroh-
bedachte Haus unseres Landmannes gehört dem Gebiete der Bau-Kunst an.

Allein bei diesen Werken allgemeinster, alltäglicher Nothwendigkeit
bleibt der Bautrieb des Menschen nicht stehen. So weit unser Blick in die
entlegenen Zeiten der Kindheit unseres Geschlechts hinaufreicht, trifft er auf
Spuren gesellschaftlicher Vereinigungen, die ebenfalls in baulichen Schöpfun-
gen ihren Ausdruck gesucht und gefunden haben. Sobald Genossenschaften
entstanden, konnte es nicht fehlen, dass Einzelne durch Mutli und Tapferkeit,
durch Klugheit im Rathe sich vor den Uebrigen hervorthaten und durch allge-
meine Anerkennung ihrer Tüchtigkeit die Führerschaft erhielten. Das An-
denken solcher Helden zu ehren, thürmte das Volk auf ihren Gräbern mächtige
Erdhügel auf oder wälzte Steinmassen darüber, und es entstanden die ältesten
Formen des Denkmales.

Zugleich aber musste aus der Wahrnehmung der ewigen Regelmässigkeit
im Wechsel der Erscheinungen, im Vereine mit der das Gernüth überwältigen-
den Macht der Natur-Ereignisse, die dunkle Vorstellung von einer höheren
Weltordnung und der Abhängigkeit des Menschen von derselben entstehen.
Die Idee von der Gottheit ward erzeugt und rief den Altar hervor, durch
dessen Opfer der Mensch sich mit dem höchsten Wesen in Verbindung zu
setzen suchte. Mochte man aber einen gewaltigen Felsblock aufrichten und

Liibke, Geschichte d. Architektur. 1

Erste Re-
gungen des
Bautriebes.
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