Lübke, Wilhelm
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart — Leipzig, 1865

Page: 708
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Sechstes Buch.

Vanviteiii. niss ab legen; und Luigi Vanviielli, aus einer holländischen Familie abstammend,
(1700—1773), dessen Hauptbau das riesige Lustschloss Caserta bei Neapel
mit weiter Parkanlage, Aquädukt und grossartigen Wasserwerken ist.

DRITTES KAPITEL.

Die Renaissance in den übrigen Ländern.

Festhalten In den ausseritalienischen Ländern hielt sich der gothische Styl in seiner
-ff- theils reich decorativen, tlieils nüchternen Entartung fast durchweg bis in’s
sechzehnte Jahrhundert, ja in manchen Gegenden bis in die zweite Hälfte des-
selben. Das germanische Volksthum einerseits, die nordische Natur anderer-
seits schien zu innig mit ihm verwachsen zu sein. Doch drang im Laufe des
sechzehnten Jahrhunderts hin und wieder ein Renaissanceanklang ein, der sich
zuerst in naiver Verbindung mit der gotliischen Weise mischte und einen eigen-
Germam- thümlichen Styl erzeugte, den man die germanische Renaissance nennen
Renaissance könnte. Sein Wesen besteht darin, dass in Grundriss und Aufbau die gothi-
schen Principien festgehalten werden, dieser Gliederbau jedoch mit einer anti-
kisirenden Decoration bekleidet wird. Erinnern wir uns daran, wie einerseits
schon in spätgothischer Zeit die Decoration nur äusserlich dem baulichen
Organismus aufgeheftet wurde, andererseits das räumliche Verhältniss der
nordischen spätgöthisehen Werke manches Verwandte mit der Richtung der Re-
naissancebauten hatte: so wird es doppelt erklärlich sein, wenn nun die anti-
kisirenden Pilaster und Halbsäulen, die Gesimse mit ihren Eierstäben und Zahn-
schnitten die Bekleidung der Facaden bilden. Die Form der letzteren behält
übrigens das schmale und schlanke Verhältniss, die hohen Giebel und steilen
Dächer bei, und die römischen Gliederungen müssen sich in dieses Prokrustes-
bett hineinzwängen. Hierdurch und durch die geringe Stockwerkshöhe wurde
eine ziemlich willkürliche Verkürzung der Pilaster und überhaupt manche
eigenmächtige Umwandlung der Glieder herbeigeführt. Die Giebel bildete man
oft mit Abtreppungen wie in gothischer Zeit und bekrönte diese dann statt
der Fialen mit wunderlichen kegelförmigen Aufsätzen, Kugeln oder geschweiften
Formen. Auch die Erker, Treppenthürme und ähnliche malerische Unregel-
mässigkeiten der mittelalterlichen Fagadenbildung behielt mau bei, bekleidete
sie jedoch mit modernen Formen, mit Pilastern und antiken Gesimsen, liess
sie auf Atlanten u. dgl. ruhen und schmückte sie mit reichen Sculpturen. Den
Fenstern gab man an Profangebäuden, wie auch schon in spätgothischer Zeit
geschehen war, rundbogigen, geraden oder flachbogigen Schluss, liess ihren
Gewänden jedoch die Einkehlungen des gotliischen Styls, mit welchen sich
bisweilen in naiver Weise ein zierlicher antiker Perlenstab verbindet. Merk-
würdig wurden oft die grossen Kirchenfenster behandelt. Man liess ihnen die
gothische Weite und Höhe, oft sogar den spitzbogigen Schluss, ja selbst die
Theilung durch Stab werk, bildete letzteres jedoch in dem Formengefühl der
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