Lübke, Wilhelm
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart — Leipzig, 1865

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Zweites Kapitel. Byzantinische Baukunst.

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Einfluss entscheidend gewesen; ähnlich wie auch die kleine Kirche S. Giaco-
metto di Rialto in Yen e d i g, ursprünglich gleichfalls ein Kuppelbau auf Säulen,
und später in grossartigem Prachtstyl S. Marco ihn bekunden.

ZWEITES KAPITEL.

Die byzantinische Baukunst.

1. Allgemeines.

Als das oströmische sich von dem abendländischen Reiche trennte (395
n. Chr.), dieses dem immer mächtigeren Andrängen der nordischen Völker
und der inneren Auflösung überlassend, begann hier im äussersten Osten
Europas ein Culturleben von merkwürdiger Art. Byzanz war nicht wie Rom
der Mittelpunkt einer altbegründeten Weltherrschaft, der Herd einer Bildung,
deren Denkmäler in verschwenderischer Pracht in das verwilderte Leben der
Gegenwart hineinragten. Hier war erst kürzlich eine neue Residenz auf
neuem, von der Cultur fast unberührtem Boden geschaffen worden. Es galt
also, diese mit dem Luxus auszustatten, an welchen die römischen Herrscher
gewöhnt waren. Nicht allein die Einrichtungen des Lebens, die Grundzüge
des Rechts und der Sitte, sondern auch die architektonische Ausprägung der-
selben wurden daher nach antik-römischem Vorbilde eingeführt. Hierdurch
entstand ein Gegensatz zwischen der neuen Religion und den alten Formen
des bürgerlichen und staatlichen Lebens, welcher sich um so schärfer aus-
bildete, je ruhiger und stetiger hier das Christenthum seine Herrschaft be-
festigen konnte. Denn während Italien im Laufe der nächsten Jahrhunderte
der Tummelplatz der verheerendsten Kämpfe, der wilden Einfälle der germa-
nischen Völker war, Avussten die byzantinischen Kaiser die Angriffe der Bar-
baren theils durch Geldopfer abzukaufen und auf das weströmische Reich ab-
zulenken, theils durch kräftige Feldherren zurückzuschlagen.

War durch diese Lage der Dinge der Entwicklung des neuen Staates hin-
längliche Ruhe verbürgt, so erwies sich diese dennoch für die Neugestaltung
keineswegs günstig und am nachtheiligsten wurde sie für das Chrisenthum
selbst. Da man den ganzen schwerfälligen Apparat des heidnischen Lebens,
der nur noch aus Formen bestand, aus welchen die Seele längst gewichen war,
auf den Boden des neuen Reiches verpflanzte, so vermochte das Christenthum
nirgends den erfrischenden, regenerirenden Einfluss auf das Dasein zu ge-
winnen, der in seiner weltgeschichtlichen Aufgabe lag. In Rom, wo es den
heftigen Leidenschaften roher, aber kindlicher Naturvölker entgegenzutreten
hatte, erstarkte es gerade durch dieses beständige Kämpfen um die Existenz
zu einem kräftigen Leben, indem es vorzüglich seinen sittlichen Inhalt aus-
bildete. In Byzanz, wo es einer altklugen, ergrauten Bildung sich gegenüber
fand, musste es auf die conventionellen Formen derselben eingehen und brachte
es nur zu einer verknöcherten Dogmatik, in welcher es allmählich erstarrte.

Venedig.

Gemischte

Caltur-

elemente.

-Das

Christen-

thum.
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