Lübke, Wilhelm
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart — Leipzig, 1865

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EESTES KAPITEL.

Allgemeine Charakteristik.

Die gothische Architektur hatte in der letzten Hälfte des Mittelalters eine Rückblick.
Universalherrschaft geübt, wie kein Baustyl jemals vorher. Wir sahen sie ent-
stehen, sich mit unwiderstehlicher Gewalt und wunderbarer Schnelligkeit über
alle Länder der Christenheit verbreiten, dann aber nach kurzer Bltithezeit
allgemeiner Entartung anheimfallen. Sie theilte das Loos aller irdischen Er-
scheinungen : hinzuschwinden, zu erlöschen , wenn die innere Lebenskraft auf-
gezehrt ist. Dies Schicksal vollzog sich an ihr um so eclatanter, je strenger
die Gesetzmässigkeit ihres Systems war. Sobald ihr Organismus sich lockerte,
sobald die Deeoration sich von der Construction löste und in willkürlichen
Gebilden auf der Oberfläche ein wenn auch noch so glänzendes Sonder-
leben ausbreitete, war die vernichtende Axt an die Wurzel des herrlichen
Baumes gelegt.

Es verlohnt sich wohl der Mühe, nachzusinnen, woher dieser rasche Ver-verfall des
fall, aus welchen tieferen Gründen er zu erklären sei. Da ist denn vor Allem goth' ötyls'
nicht zu übersehen, wie der innerste Lebensodem jenes Styles in der idealen
Begeisterung, dem schwungvollen Spiritualismus seiner Zeit lag, der um so
rascher verfliegen musste, je weniger er auf die Dauer den realen Mächten
des Lebens gegenüber ausreichte. Seit dem vierzehnten Jahrhundert wird die
Reaction dieser realen Mächte fühlbar; in allen Sphären des Daseins bricht
sie hervor, in der Umgestaltung des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens,
in der Poesie, in den bildenden Künsten, in der Baukunst. Ein realistischer
Grundzug klingt immer vernehmbarer aus den Weisen der Dichter, spricht
aus den Arbeiten der Bildhauer und der Maler. Die allmählich etwas leer
gewordenen idealen Typen, die sanft hingeschmiegten Gestalten, in denen die
seelenhafte Innigkeit der Empfindung nachgerade Convention eil geworden war,
weichen einer entschiedenen Nachahmung der Natur, des individuellen Lebens,
die merkwürdiger Weise gerade in jenen nordischen Ländern, wo der gothi-
sche Styl seine idealsten Werke geschaffen hatte, sich zu schärfster naturalisti-
scher Einseitigkeit zuspitzt. Auf die kräftigste Bewegung musste wohl der
kräftigste Rückschlag folgen. Selbst für die Umgestaltung des gothischen Styles
war diese veränderte Richtung von Einfluss. In den norddeutschen Bauten
dieser Spätzeit, wie in denen Italiens, herrscht ein ganz anderes räumliches
Gefühl, als in den klassischen Leistungen der gothischen Frühzeit. Die ein-
seitige Höhenrichtung wurde verlassen; man ging mehr in die Breite und

Lübke, Geschichte d. Architektur. 41
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