Lübke, Wilhelm
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart — Leipzig, 1865

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Einleitung.

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Dies Schöne, welches die Seele der Architektur ansmacht, unterscheidet wesen der

Baukunst.

sich aber wesentlich von dem Schönen, welches wir als Inhalt und Ziel der
beiden anderen bildenden Künste, der Sculptur und Malerei, erkennen.
Während diese nämlich das Schöne des organischen Lebens durch den
Stoff der unorganischen Natur darzustellen haben, geht die Architektur auf
die Idealisirung des unorganischen Stoffes selbst ans. Wie nun in
allem Dasein eingeborene Gesetze walten, die freilich im organischen Leben,
in der Pflanze, im Thiere, im Menschen, zn viel feineren, complicirteren
Formen sich entfalten, so finden sich auch im Reiche des Unorganischen
bestimmte Gesetze vor. Es sind die Gesetze der Schwere und des inneren
Zusammenhaltes. Diesen Grundbedingungen muss der Geist, der aus dem
unorganischen Stoffe das Schöne hervorbilden will, sich fügen. Aber sie sind
nur die leitenden Kräfte, niemals Ziel oder selbst Gegenstand der Darstellung;
und indem der Mensch, auf sie gestützt, dem unorganischen Stoffe das Gepräge
seines Geistes aufdrückt, erhebt er ihn zur Einheit eines organischen
Ganzen und bringt jene Gesetze zur klareren, schärferen Erscheinung, welche
in der Natur vom bunten Teppich des Lebens verhüllt sind.

Dadurch treten die Werke der Architektur den Gebilden des Reiches, Charakter
dem sie entstammen, der unorganischen Welt, entschiedener als etwas Frem- Baukunst,
des, Neues gegenüber, während die bildenden Künste nicht so weit von den
natürlichen Vorbildern ihrer Thätigkeit sich entfernen. Eine Statue, ein
Portrait, eine Landschaft scheinen lediglich ihr Urbild nachzuahmen, wess-
halb eine oberflächliche Betrachtung jene beiden Künste fälschlich als „nach-
alnnende“ bezeichnet hat. Ein Haus, eine Tempelhalle, ein Thurm findet
dagegen im Reiche der unorganischen Natur, wo Alles ordnungslos zn liegen
scheint, keine solche Analogie. Daher erlangen die architektonischen Schöpfun-
gen eine in jeder Hinsicht besondere, eindrucksvolle Stellung. Zunächst
bieten sie sich dem Beschauer wie eine Welt für sich dar, die ihre Bildungs-
gesetze nur in sich selbst trage, sie nirgend anderswoher entlehnend. Wir
wissen, dass dem nicht so ist; dass in der Architektur die Gesetze, die in
der unorganischen Natur verborgen liegen, nur zum bestimmteren Ausdruck
kommen. Diese Gebundenheit an die statischen Gesetze, denen die Bau-
kunst sich nicht zu entziehen vermag, verleiht ihren Schöpfungen den Cha-
rakter der Ordnung und Gesetzmässigkeit, den keinerlei Willkür so leicht
verwirren und trüben kann. Denn bei der Unabänderlichkeit jener Gesetze
und bei dem spröden, herben Stoffe, in welchem sie sich auszuprägen haben,
bleibt das Element persönlichen Beliebens von den Werken der Architektur
am meisten ausgeschlossen, und der Baumeister, beherrscht von jenen unent-

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